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Mittwoch, 10. Februar 2016

Gothic Friday: Wie bist du in die Szene gekommen?

Im Rahmen des Gothic Fridays – was das ist, könnt ihr HIER nachlesen - wurde auf spontis.de die Frage gestellt: „Wie bist du in die Szene gekommen?“
Um meinem Blog mal wieder ein wenig Leben einzuhauchen, möchte ich den GF Februar zum Anlaß nehmen, über meine Anfänge in der schwarzen Szene zu sinnieren und zu rekapitulieren, wie dort hineingeschlittert bin. Über das Wie und Warum habe ich mich eigentlich schon ausführlich in diesem Blog ausgelassen, daher stellt dieser Post eigentlich nur eine ultrakurze Zusammenfassung für den GF dar. Dazu habe ich einige Erinnerungssplitter zusammengetragen und mein jüngeres Ich befragt, an was es sich sonst noch so erinnern kann - abgesehen von den Erlebnissen, die man in älteren Posts hier nachlesen kann.

Eigentlich muß ich ziemlich weit in der Zeit zurückgehen. Nämlich in die 70er Jahre des letzten Jahrtausends, denn da fing alles an...

Einen gewissen Hang zu morbiden Themen und Friedhöfen hatte ich immer schon. Das war die Schuld von Tante Ella, die auf mich aufpasste, während meine Eltern zur Arbeit gingen. Tante Ella war Witwe und sie nahm mich regelmäßig zum Grab ihres verstorbenen Mannes mit. Friedhöfe fand ich spannend, vor allem, als Tante Ella mir erklärte, warum man die Toten dort beerdigte und was mit den bestatteten Körpern geschah. Kleine Kinder stellen die seltsamsten Fragen und wollen alles genau wissen. Da war ich keine Ausnahme. Und Tante Ella gab mir konkrete und ausführliche Antworten.
Die Vorstellung, daß Würmer an einer Leiche herumknabberten und sich der Tote langsam, aber sicher zersetzte, erfüllte mich mit wohligem Schauer. Aber was passierte, wenn man aus Versehen einen lebendigen Menschen beerdigte? Und was geschah überhaupt, wenn ein Mensch starb?
Ja, über solche Dinge sprachen Tante Ella und ich...

Wirklich losgelassen hat mich die Faszination für diese Thematik, für die Dunkelheit, die Nacht und all die Wesen, die diese bevölkern, nie. Im Grunde beschäftige ich mich seit meiner frühesten Kindheit damit: angefangen mit Spuk- und Gruselsammelbänden und Comics im zarten Grundschulalter, über klassische Vampirgeschichten, Romane von Stephen King, Horrorfilme (kein Splatter!) bis hin zu philosophisch-religiösen Fragen nach dem Leben nach dem Tod, nach dem Jenseits, nach Reinkarnation etc. Und irgendwie passte mein Berufswunsch – Ägyptologin - dort auch hinein.

Damit stand ich immer abseits. Ich war eben seltsam. Meine Mitschüler konnten nicht viel mit mir anfangen, hatte ich das Gefühl. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit: wir hatten nicht viel gemeinsam. Und die schwarze Kleidung kam irgendwann dazu, um sich noch deutlicher von den anderen abzuheben und ihnen zu signalisieren: Ich gehöre nicht zu euch und ich WILL auch gar nicht!

In der Oberstufe, als unser Jahrgang durch neue Mitschüler verstärkt wurde, traf ich auf einmal auf Leute, die die gleichen Vorlieben teilten, die gleichen Bücher lasen, die gleichen Filme guckten, die das Diktat der angesagten pastellfarbenen Markenklamotten ebenso gräßlich fanden wie ich und bei denen die Top Ten nur Brechreiz auslöste. Denn was waren die geschniegelten, aalglatten Jungs von Spandau Ballet gegen Robert Smith und The Cure? „A Forest“ war und ist seitdem und immer noch mein absoluter Lieblingssong, denn der Text gibt ziemlich genau wieder, wie ich mich Mitte der 80er fühlte.



Von Gruftis und Wavern hatte ich bis dato auch schon vernommen – Bravo sei Dank!
Irgendwie passte das zu mir. Die Klamotten, der Schmuck, die robertsmithoesken Haare und die Schuhe...besonders die Schuhe! Ich verliebte mich in ein Paar Pikes, auf das ich lange sparte. Diese Liebe hat bis heute angehalten und meine ersten Pikes dürften dank einiger Nachfolger mittlerweile in Rente gehen.

Goth(ic)s gab's damals noch nicht – jedenfalls nicht bei uns – und Schwarzkittel waren tatsächlich eine Art dunkler Punks, die noch nicht viel mit dem gemein hatten, was später in die Kategorie Gothic gestopft werden sollte.
Die ersten richtigen Schwarzen lernte ich kleiner Kaffgrufti dank meiner älteren Freundin Steffi kennen, die schon einen Führerschein besaß und mich mit ins Bla nahm. Dort hingen im Bonn der 80er Punks und Gruftis (manchmal auch Ökos) gemeinsam ab. Der deutlichste und offensichtlichste Unterschied zwischen beiden Gruppen lag in der Verwendung bzw. Abwesenheit von Farbe. Gruftis trugen ausschließlich schwarze, allenfalls weiße, manchmal auch dunkelrote oder violette Kleidungsstücke. Dieser bunte Exzess stellte jedoch schon fast einen Frevel dar und wurde hin und wieder mit einem verächtlichen „Pseudo!“ abgestraft. Jaja, Mr. Dunkelschwarz (ein Waver aus der Hauptschule, der sich für den einzig authentischen Schwarzkittel der Gegend hielt) hat mir das auch einmal an den Kopf geknallt, als ich einen dunkelvioletten Rock trug. Dabei hatte ich echte Pikes aus England und war deshalb viel truer als er, HA! :D

Und dann gab's da Albert...
Angeblich hieß er so. Er sah aus wie der jüngere Bruder von Robert Smith, war schon Anfang 20 (also schon richtig alt aus meiner damaligen Perspektive) und trug schwarze, enge Lederhosen, ein weißes, flatteriges Hemd, Pikes und Nietenarmbänder. Mit Sicherheit wusste er um seine Ähnlichkeit zum Cure-Boss, denn er schminkte und frisierte sich auch so.
Ich fand ihn toll, aber himmelte ihn immer nur aus der Ferne an, hatte er doch stets seine dunkle Anhängerschaft um sich geschart. Die waren aber alle nett und man konnte sich prima mit ihnen unterhalten und diskutieren. Man hatte ja auch jede Menge Gesprächsstoff, da man sich für die gleichen Dinge interessierte und offen war für Neues. Und dann war ich plötzlich mitten drin: unter freundlichen Leuten, die mich nicht für durchgeknallt hielten, die mich ernst nahmen, die meine Vorliebe für das Alte Ägypten toll und nicht bescheuert fanden und mich durch ihre Neugier und ihre Fragen, was mich besonders daran reizte, darin bestärkten, das zu tun, was mir am wichtigsten war (und immer noch ist): meiner Passion für die Ägyptologie zu folgen.

Es mag sich jetzt schmalzig oder abgedroschen anhören, aber rückblickend auf die damalige Zeit war die Akzeptanz und der Rückhalt, den diese Leute mir - ohne es zu wissen oder zu wollen – entgegenbrachten, sehr wichtig für mich. Ich dürfte ich sein mit allen Facetten. Und ich denke, das ist auch heute der Grund, wieso ich mich in der schwarzen Szene, trotzdem sie sich im Vergleich zu damals sehr gewandelt hat, immer noch zuhause fühle.

In dem Zusammenhang möchte ich auch auf den Dreiteiler "Hassu Haarlack dabei?" bzw. den Zweiteiler "Missionierungsversuche" verweisen, in dem ich einige Erinnerungen und auch, was das Schwarzsein für mich bedeutet, konkreter schildere.

Montag, 1. Juni 2015

Pikes: The Gothic Shoe Company

Ich habe es doch gewagt.
Und ich wurde nicht enttäuscht.
Als die Gothic Shoe Company (GSC) Ende April erstmals old school pikes anbot, wurde ich unruhig...

The Gothic Shoe Company ist im Grunde das Nachfolgeunternehmen von Retroshu, diesmal zeichnet sich allerdings der Sohn des Retroshuinhabers, Kris, für das Unternehmen und die Produktion des begehrten spitzen Schuhwerks verantwortlich. Das Handwerk hat er von seinem Vater gelernt und liefert eine ebenso qualitativ hochwertige Arbeit ab wie dieser. 
Im Gegensatz zu damals jedoch - wie oft habe ich versucht, Pikes bei Retroshu zu bestellen und nie ist es mir gelungen, mit dem Inhaber oder seinen Mitarbeitern in Kontakt zu treten! - ist Kris sehr kommunikativ. Anfragen auf Facebook werden innerhalb von Minuten beantwortet.

Von li nach re: Nevermind, Retroshu, Boots & Braces, Underground Shoes, GSC, 80er Jahre Relikt

Und so habe ich dann auch kurzentschlossen ein Paar der old school pikes während eines Facebookchats bei ihm bestellt. Er fragte, wie ich bezahlen wolle und nach ein paar Minuten trudelte die Mail mit dem entsprechenden Paypallink bei mir ein. Ich wies die Zahlung sofort an und nur wenige Minuten später meldete sich Kris bei mir auf Facebook, bedankte sich für den Auftrag und die Zahlung, die er bereits erhalten hatte, und erklärte, daß es eine Woche dauern würde, meine Wunschpikes zu bauen.
Dieses Versprechen hat er auch eingehalten: genau eine Woche später erhielt ich die Mail, daß meine Schuhe verschickt worden waren.
Bis sie allerdings nach langer Irrfahrt (dank der Inkompetenz des deutschen Kurierdienstes) bei mir eintrafen, ist eine andere Geschichte, die ich euch später mal erzähle. Kris kann dafür nichts, er hat alle Termine und Zusagen eingehalten.

von li nach re: Retroshu, GSC, 80er Jahre Relikt

Die Form der old school pikes von GSC ähnelt der meiner alten 80er Jahre Pikes. Der auffälligste Unterschied ist mal wieder die Farbe der Reißverschlüsse, auch bei den GSC-Pikes sind die aus silberfarbenem Metall, obwohl ich eigentlich schwarze bestellt habe. Daß dieser Wunsch ignoriert wurde, ist allerdings nicht tragisch. Schwarze Reißverschlüsse aus Kunststoff halten eben nicht so lange wie metallene - vor allem bei mir, ich schrotte die im Nullkommanichts!
Wie bei meinen Retroshupikes sind auch hier die Riemen verstärkt worden, die Sohlen sind jedoch so flach wie bei meinen alten. Sie könnten jedoch größer sein, denn das Leder steht ein wenig über, was zur Folge haben könnte, daß sich die Spitzen wesentlich schneller abstoßen als normal. Die Schwachstellen bei Pikes sind nun mal die Spitzen und besonders gefährdet sind diese beim Treppensteigen...


Die Spitzen verjüngen sich nach vorn hin wesentlich mehr als die meiner anderen neuen Pikes, sind jedoch noch nicht so spitz wie die der ultraspitzen alten Modelle. 
Kris arbeitet jedoch eifrig daran, diese Kinderkrankheiten noch auszumerzen. Man bedenke, daß ich eines seiner allerersten Exemplare old school pikes erhalten habe, bislang hat er den breiteren Retroshustil gebaut.


Dafür bin ich sehr zufrieden, zumal die Pikes schon den ersten Praxistest mit Bravour gemeistert haben: eine stundenlange Shoppingtour in der Stadt, etliche Treppen rauf (dank jahrzehntelanger Übung stoße ich mir nicht die Spitzen dabei an) und wieder runter, über Kopfsteinpflaster und holprigen Asphalt - man läuft einfach gut darin. 
Ich habe übrigens meine normale Schuhgröße bestellt (UK 8 ladies size) und die Pikes passen wie angegossen. Ich brauchte sie nicht eintragen, sie sitzen einfach perfekt.
Mit Sicherheit wird dieses Paar nicht mein letztes von GSC sein, zumal ich mir noch meinen Jugendtraum Pikes mit Fledermausschnallen erfüllen möchte.
Und für das Töchti gibt es die mit Pentagrammen... 
Ach, und dann gibt es ja noch diese wunderbaren Neunschnaller und... *uffz*

Montag, 7. April 2014

Ich hab's getan!

Ja, wirklich, ich habe dem Töchti und mir zwei Tickets für das Amphi besorgt!
Daß der Termin dieses Jahr auf meinen Geburtstag fällt, habe ich als Wink des Schicksals verstanden, endlich meine Gruft und meinen heimischen Friedhof zu verlassen und mich nach vielen langen Jahren einmal wieder in die große, schwarze Welt zu wagen.
Ich befürchte, ich werde einen (Sub-)Kulturschock erleiden.
Da ich die Szene jahrelang beinahe ausschließlich via Internet und anderen Medien verfolgt habe und es nur in irgendwelchen dunklen Läden oder im www zu Kontakten mit anderem Schwarzvolk gekommen ist, ist mir ein wenig mulmig zumute, denn das, was heutzutage so herumgotht, hat zumindest oberflächlich betrachtet wenig mit den Gruftis zu tun, mit denen ich früher in den 80ern so abhing.

Ein schwarzes Festival von den Ausmaßen des WGT oder des Amphi habe ich nie besucht. Gab es damals auch nicht - jedenfalls nicht in unserer Ecke - und außerdem war ich minderjährig und kam nicht überall 'rein. Auch wenn man damals nicht so kontrollbesessen war wie heute und man seinen Perso so gut wie nie vorzeigen mußte, um in die Disco zu kommen, manchmal wurde man eben doch aufgrund seines jugendlichen Alters abgewiesen. Da ich ohnehin kein Partygänger bin und mir Menschenaufläufe ein Greuel sind, war das nicht weiter schlimm. Das Jugendschutzgesetz galt/gilt eben nicht für Friedhöfe. Und dort fühlte ich mich auch irgendwie wohler.

Tja, was treibt mich nun dazu, mich nach Jahrzehnten des einsamen Herumgruftens und sporadischen bunten Phasen (jaja, wirklich nur Phasen! *lach*) mich wieder in der schwarzen Öffentlichkeit blicken zu lassen?
In erster Linie Neugier. Neugier auf viele nette Menschen, die ich dank des Internets kennengelernt habe und die ich gerne persönlich treffen möchte. Menschen, mit denen mich einiges verbindet, wie ich glaube, obwohl wir uns noch nie begegnet sind.
Und auch auf die jüngeren Generationen bin ich gespannt und die Vielfältigkeit des Schwarzvolkes, die es damals in den 80ern einfach noch nicht gab. Ein wenig bang ist mir schon zumute, ob ich mich unter all diesen Gestalten noch genauso zuhause fühlen kann wie früher.
Aber eigentlich mischt sich in dieses mulmige Gefühl doch eine gehörige Portion Vorfreude :D

Freitag, 28. Februar 2014

Ist ja nur 'ne Phase...

Neulich im Fratzenbuch...

Das Töchti hatte Ende letzten Jahres einen Nähkurs besucht und gleich im Anschluß sein dreiwöchiges Berufspraktikum bei derselben Schneidermeisterin absolviert. Dabei sind zwei wirklich wunderbare Kleidungsstücke herausgekommen, die das Töchti mit Stolz trägt: einen Fishtailrock und ein Raglanshirt mit Kapuze. Sieht beides richtig toll aus!
Ich bewundere ja Leute, die sich ihre Klamotten selbst herstellen, ohnehin. Ich habe nämlich zwei linke Hände und zu wenig Geduld für solche Friemeleien. Außerdem halte ich Nähmaschinen für Dämonen und so eine Art vampiroide Roboter, die mir mit Vorliebe in die Hand beißen wollen. Da dresche ich lieber Nieten mit ordentlichem Kawumms! in meine Kleider (die mir jemand anderes näht).
Wie dem auch sei, das Töchti präsentierte dieses Foto von sich im neuen Rock auf Facebook.




Es entspann sich daraufhin in den folgenden Tagen eine lustige Konversation zwischen einem Bekannten meines Gatten und mir. Dazu muß man wissen, daß der gute Mann nicht unbedingt um die Ecke wohnt und uns, sprich den Rest der Familie, max. dreimal zu Gesicht bekommen hat, uns also eigentlich gar nicht kennt.

Es ging also los mit "hihi:-)...die Gothic Phase! Hatte unsere auch, ging aber vorbei!". Meine Reaktion: "Ääääh...daß das nur eine Phase ist und vorbei geht, kann ein Irrtum sein ;)" Er wieder: "Wartet's ab...das gibt sich!" Ich: "Ja, darauf warten meine Eltern noch immer *LOL*" Den Wink mit dem Zaunpfahl hat er nicht verstanden...
Ich mein', irgendwo fand ich es ja auch ziemlich niedlich von ihm, mich trösten und mir vermitteln zu wollen, daß diese pubertären Anwandlungen ganz normal sind und man als Eltern einfach darüber stehen muß, wenn die Kinder eben in die Gothic-Phase kommen. Wir hätten das ja alle in unserer Jugend durchgemacht, also solche Phasen. 
Er gestand mir dann, daß er in den 80er Jahren ja mal Popper war. Ih, pfui! Das waren die mit den pastellfarbenen Lakotzhemden und den Brechlingtonsocken!
Aber das habe ich ihm großmütig verziehen, das war ja nur 'ne Phase :D

Aber irgendwie kamen wir an einen Punkt, an dem mir diese ganzen Phasenfaseleien zuviel wurden und ich ihn dezent *hüstel* darauf hinwies, daß die Schwarze-Klamotten-Phase bei mir nie ein Ende gefunden hatte. Nein, ich habe ihm meine Pikes nicht um die Ohren gehauen, falls das jemand vermuten sollte, höchstens virtuell! Er war dann ein wenig fassungslos und mein gruftiges coming out brachte ihn vollkommen aus dem Konzept, als er merkte, daß er bei mir eigentlich offene Türen einrannte. Wie gesagt, er war höchstens dreimal oder so bei uns zu Besuch und daheim laufe ich nicht aufgebrezelt herum wie Siouxsie bei einem ihrer Auftritte. 
Seine Bestürzung äußerte sich dann in einer Bemerkung, die mich wiederum bis ins Mark erschütterte. Als er neulich bei uns gewesen wäre, hätte ich so normal ausgesehen, hat er gesagt. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen!
Normal? ICH? Wahrscheinlich sah ich in diesem Moment aus wie ein Fisch auf dem Trocknen, der heftig nach Luft schnappt.
Aber mal im Ernst: was stellen sich die Stinos denn vor? 
Natürlich laufe ich zuhause, in meinen eigenen vier Wänden, in bequemen und zweckmäßigen Alltagsklamotten herum. Und wenn ich ein Gespräch mit meinem Doktorvater habe oder in die Uni muß, kleide ich mich auch nicht so, als würde ich auf's WGT wollen. 
Die Kleidungsstücke, die ich trage, sind fast ausschließlich schwarz. Manchmal habe ich eine bunte Phase (haha, eine Phase, ne?!) und ziehe auch mal etwas Violettes oder Burgunderfarbenes an. Diese Anwandlungen gehen jedoch schnell wieder vorbei. Mein Kleiderschrank ist eigentlich ein schwarzes Loch.

Und meine Haare sind schwarz (gefärbt). Aber nicht immer gekreppt und mit 1000 Litern Haarlack toupiert. Falls das jemand von mir erwartet, muß ich ihn enttäuschen. Das habe ich früher mal gemacht, als ich noch den Robert-Smith-Siouxsie-Frisurenstyle pflegte. Heute sind meine Haare dazu zu lang und ich mag sie mir nicht mit dem Kreppeisen verbrutzeln. Aber ich habe immer noch eins (das auch hin und wieder benutzt wird) und ohne Haarlack kann ich nicht leben. Außerdem dauerte es Stunden, die Haare so hinzukriegen. Das ist mir einfach zuviel Aufwand für den Alltag.
Aber ich sehe nicht normal aus, MENNO! *mitdenbepikestenfüßenaufstampft*
Oder doch?

Freitag, 15. November 2013

Pikes - alt vs. neu

Auch wenn es mir schwerfällt, es zuzugeben, schneiden meine alten geliebten Pikes im Vergleich zu den neuen schlecht ab. Ich habe das gleiche Modell genommen, aus Veloursleder mit sechs Schnallen, aber die neuen unterscheiden sich qualitativ enorm von den 80er Jahre-Boots.

 hinten: neu - vorn: alt

Hersteller/Händler: 
neu: Headrazor100 (Ebay-Shop/Berlin) - alt: Underground (nicht sicher/Köln)

Kaufdatum:
2013 - 1985

Kaufpreis:
neu: 120 Euro - alt: 150 DM

Größe:
neu: 42 - alt: 41

Obermaterial:
echtes Veloursleder

Futter:
neu: Leder - alt: keins vorhanden

Absatzhöhe:
neu: 2,5 cm - alt: 7 mm 
(an einer nicht abgelaufenen Stelle gemessen)

Sohlendicke:
neu: 9 mm - alt: ca. 4 mm
(an einer nicht abgelaufenen Stelle gemessen)

Das Schnittmuster (oder wie auch immer der entsprechende Fachbegriff dafür lautet) ist dasselbe, der Schaft der neuen Pikes jedoch ein wenig höher und besitzt eine sorgfältig mit dem Futter vernähte Kante. Bei beiden ist die Ferse verstärkt, die Absätze und Sohlen der neuen, wie man auf dem Foto unten erkennen kann, wesentlich dicker. Außerdem stehen die Sohlen leicht über, was insbesondere die Schuhspitze vor'm Anstoßen schützt. Ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, hat aber auch Vorteile.


Der auffälligste Unterschied liegt jedoch in der Farbe des Reißverschlusses: bei meinen alten ist er schwarz, hier silbern. Aber auch was die inneren Werte angeht, unterscheiden sich die alten von den neuen Pikes. Hier bieten die neuen einfach die hochwertigere Verarbeitung: sie sind gefüttert und mit einer weichen Innensohle versehen. Dadurch ist der Tragekomfort höher. Ja, ich bin in einem Alter, in dem man auf so etwas Wert legt :D
Die Riemen sind ebenfalls verstärkt, bei denen von meinen alten handelt es sich nur um fisselige, dünne Lederstreifen.


Die Form ist die gleiche, aber die Aufsicht ergibt ein leicht unterschiedliches Bild. Dadurch, daß der Schaft bei den neuen Pikes (re) höher ist, sind auch die Riemen und Schnallen höher angebracht und der Reißverschluß sichtbarer.


Fazit: trotz geringer optischer Unterschiede eine in meinen Augen absolut gelungene Kopie bzw. verbesserte Version meiner 80er Jahre-Pikes. Mein jahrelanges Suchen danach hat endlich ein glückliches Ende gefunden.

Mittwoch, 13. November 2013

Die Pikes von Headrazor sind da!

Heute war es endlich so weit! 
Nach gut zwei Wochen ungeduldigen Wartens klingelte es heute Mittag an der Tür und der GLS-Mensch, den meine euphorische Begrüßung wohl ziemlich verschreckte, überreichte mir das Paket, auf das ich so sehnsüchtig gewartet hatte.
Darin befand sich das schönste Paar Pikes, das ich jemals gesehen habe, und ich konnte mir das ein oder andere Freudentränchen nicht verkneifen, als ich die Schuhe endlich in den Händen hielt. Sie waren übrigens ausgesprochen sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen und kamen in einem stabilen Paket hier an, das zusätzlich mit Klarsichtfolie als Nässeschutz umhüllt war.

Die Pikes sind aus Veloursleder gefertigt, samtig und pechrabenschwarz, und gleichen meinen alten aus den 80ern bis auf wenige Details. Wenn's euch interessiert, schiebe ich morgen einmal einen Vergleich zwischen meinen alten und den neuen nach. So viel sei schon einmal verraten: die neuen sind wesentlich besser verarbeitet und machen einen qualitativ hochwertigeren Eindruck als die 80er-Boots. Ich habe Schuhgröße 42 bestellt, da meine reguläre Schuhgröße zwischen 41 und 42 schwankt. Die Pikes passen haargenau und sind superbequem.

Gekostet haben sie 120 Euro plus 4,90 Euro Fracht und ich bereue keinen einzigen Cent dieser Summe. Allen, die immer noch auf der Suche nach schönen Pikes sind, kann ich deshalb den Ebayshop von Headrazor100 nur empfehlen. Auch wenn ich immer noch glaube, daß die Pikes aus der Schmiede von Retroshu/The Winklepickerstore stammen...
Falls sich diese Vermutung als Tatsache erweisen sollte, ist es für mich um so unverständlicher, daß die Inhaber des Ladens ihre Kunden mit ihrer kaum vorhandenen Kommunikationsbereitschaft vor den Kopf stoßen. Denn die Schuhe, die ich bekommen habe, sind wirklich toll!

Der Kundenservice von Headrazor jedoch spricht für sich. Jede Email von mir wurde geduldig beantwortet, kalkuliert nur ein wenig mehr Wartezeit ein als angegeben - die Geschichte könnt ihr hier und da nachlesen. Und nein, ich bekomme mein nächstes Paar Pikes nicht umsonst, weil ich hier quasi Werbung für den Laden mache. Ich bin einfach nur glücklich mit meinem Neuerwerb!
Und den möchte ich euch nun zeigen. Die Fotos sind mit Blitz aufgenommen, daher wirkt die Oberfläche des Veloursleders sehr unruhig. Teilweise sind die Fotos etwas überbelichtet. Damit lassen sich jedoch Details, die Nähte z.B., besser erkennen.




Nein, die Pikes sind nicht anthrazitfarben, sondern wirklich schwarz!

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Vintage aus der Gruft - Teil 1

Etliche Kisten und Kartons mit Gerümpel, das wir schon längst vergessen haben, stapeln sich noch in unserem Keller und im Schuppen. Es war nicht besonders amüsant, das ganze Zeug zu durchwühlen, aber die Hoffnung, meine verschollenen Pikes wiederzufinden, trieb mich dazu, noch mehr Unordnung in das schon vorhandene Chaos zu bringen. Wie ihr bereits wisst, habe ich nur einen Pike wiederbekommen, den mein liebster Gatte aus einem Sack mit lauter ollen Tretern zog. Alles vollständige Paare, auf die ich gut verzichten könnte, nur der Pike war ganz allein und mein zweites Paar ist ganz weg. Grmpf!

Dafür habe ich aber Einiges an Kleidung und Schmuck entdeckt, das noch aus den 80ern stammt. Meine Fledermausohrringe sind wieder da, ein paar Ringe und anderer Kram aus meiner Teeniezeit, der mir nicht mehr passt, aber noch gut in Schuß ist. Die Teile sind längst wie durch Zauberhand von meinem Kleiderschrank in den meiner Tochter gewandert und, oh Wunder, sie trägt sie auch! Aber meine Fledermäuse für die Ohren bekommt sie nicht, auch wenn sie noch so sehr bittet und bettelt!

Nachdem ich euch nun schon so oft mit meinen ellenlangen Schriebsen gequält habe, denke ich, daß es an der Zeit ist, euch in einer kleinen Fotoserie mal die wenigen Überlebenden zu präsentieren, die noch aus den 80ern stammen, original aus den graveyard years - bis auf die Fledermauskette. Ich besaß früher die gleiche, die ist jedoch nicht wieder aufgetaucht.

Beginnen wir mit dem Schmuck...


Und ein paar Aufnahmen von Lieblingsstücken, die ich immer noch trage.
Unbestrittene Nr. 1 sind natürlich die berüchtigten Fledermausohrringe:


Und die Fledermauskette:


 Und noch ein bißchen dies und das...



Einiges ist leider im Lauf der Zeit verloren gegangen, aber die paar Teile trage ich wirklich gern und oft. Habt ihr auch noch ein paar Stücke aus euren Junggruftitagen in euren Schatullen, an denen euer nostalgisches Herz hängt?

Montag, 9. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 2

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Auch die ältere Schwester meiner Mutter hatte ganz besondere Pläne für mich, die ebenfalls mit pastellfarbenen Klamotten zu tun hatten.  Deshalb bekam ich zu Weihnachten einen himmelblauen Strickpullover von ihr, den ich natürlich sofort anprobieren mußte. Alles andere wäre ja undankbar gewesen.
Die ganze Verwandtschaft - und ich habe eine riesengroße - verfiel in kollektives Entzücken. Wie gut mir diese Farbe doch stehen würde, ich sähe ganz anders aus, viel frischer, nicht so tot, blablabla...
Daß mir der blöde Pulli zwei Nummern zu klein war, bemerkte keiner.

Angesteckt von dieser Entschwarzifizierungswelle kamen meine Eltern auch einmal auf den Trichter, mir eine weiße Kunstlederjacke und himbeerfarbene Schuhe mitzubringen, deren Form mich irgendwie an die Füße Donald Ducks erinnerten...nachdem eine Straßenwalze drübergerollert war. Die Treter wären besser für meine Füße, meinten sie, als die spitzen Dinger mit dem Haufen Schnallen. Pah!!!
Der erwartete Glückstaumel meinerseits blieb aus und ein jubelndes "Toll! Danke, ihr seid die besten Eltern der Welt!" ebenso. Ich war und bin keine Meisterin der Diplomatie und auch Notlügen kommen mir selten über meine Lippen. Daß ich alles andere als begeistert von den elterlichen Mitbringseln war, hat man mir wohl angesehen und die Frage "Was soll ich mit dem Kram?" brachte meine Eltern erst recht auf die Palme. Mir wurde Undank vorgeworfen und daß ich immer nur fordern würde - Hä? Habe ich etwa nach rosaroten Schuhen gefragt? - und dann kam der altbewährte Spruch mit den Füßen und dem Tisch.
Naja, irgendwann resignierten meine Eltern und meine Mutter half mir letztendlich sogar beim Nähen und Verzieren selbstentworfener Klamotten. Nur einmal, als ich zur Nagelschere griff, um meinem kindlichen Topfhaarschnitt den richtigen Stand für den ultimativen Robert-Smith-Look zu verpassen, ist meine Mutter ausgerastet. Aber ansonsten meinten sie, daß ich mich in einer schwierigen Phase befände, und schwiegen fortan. Selbst zu meinen diversen Experimenten mit verschiedenen dunkelbunten Haarfarben.

Quelle: http://www.tumblr.com/tagged/winklepickers?before=124
Die große Angst meiner Eltern: das Kind verstümmelt sich!

Also war so weit alles o.k. - das könnte man meinen. Pustekuchen!
Kaum hatte sich die Familie so halbwegs mit ihrem schwarzen Schaf abgefunden - nicht zuletzt deshalb, weil mein heißgeliebter Opa ein Machtwort gesprochen hatte -, starteten meine Mitschüler einen erneuten Versuch, mich aus meiner selbst gewählten Isolation zu reißen. Diesmal nicht mit irgendwelchen glorreichen Vorschlägen zu Kleidung und Frisur, sondern mit einer ganz perfiden Masche: Verständnis und Einfühlungsvermögen!
Nun war ich immer schon ein Einzelgänger gewesen und meine wenigen Freunde konnte man an einer Hand abzählen. Zu der Zeit jedoch war ich ganz allein. Meine beste (und einzige) Freundin war krank geworden und zwar so schwer, daß sie nicht mehr in die Schule zurückkehrte, ein guter Freund war mit seinen Eltern ausgewandert und der andere, eher ein guter Bekannter, hatte sich quasi über Nacht dem Poppertum verschrieben.

Anscheinend hatten meine Klassenkameraden wohl Mitleid mit mir, dem armen, einsamen Geschöpf, und trachteten danach, die finstere Aura der Melancholie, die mich umgab, zu vertreiben.
Sie konnten zwar nicht begreifen, wieso ich nichts mit ihnen zu tun haben wollte, aber sie wollten wenigstens nachvollziehen können, aus welchen Gründen ich das Alleinsein vorzog und wieso ich so anders aussah und warum ich meine Fingernägel schwarz lackierte, obwohl nicht Karneval war. Das bekümmerte besonders meine Namensvetterin, die auch in meine Klasse ging, und sie gierte geradezu danach zu erfahren, wieso mir meine dunklen Fingernägel so gut gefielen, obwohl sie sie so nicht mochte. Und warum Fledermäuse von meinen Ohren herabbaumelten, obwohl das doch so eklige Viecher seien.
Sie hatten allerdings nicht damit gerechnet, daß ich nicht willens war, ihnen Rede und Antwort zu stehen und mich dafür zu rechtfertigen, wer oder wie ich bin. Ich bin ich, take it oder leave it!

Natürlich wäre es schön gewesen, ich hätte damals wenigstens einen Menschen gehabt, dem ich mich hätte anvertrauen können und der meine Zurückgezogenheit und Interessen teilte. So groß war meine Sehnsucht nach Gesellschaft jedoch nicht, daß ich mich dem aus meiner Sicht oberflächlichen Gros meiner Jahrgangsstufe anschloß. Da blieb ich lieber allein.
Nach den Sommerferien änderte sich das jedoch, als ein paar Neuzugänge zu uns stießen und wir in die Oberstufe kamen. Ich war gerade 16 geworden, als ich meine späteren Freunde traf. Zuerst war ich noch ziemlich wortkarg und mißtrauisch, aber bald schon war klar, daß ich endlich ein paar Seelenverwandten begegnet war. Klingt kitschig, aber genauso empfand ich.
Das Dunkel, das immer irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Herzens lauert und mich manchmal und ohne eigentlichen Grund überfällt, das mich mitunter Einsamkeit und Stille suchen läßt, die düstere Seite meines Ichs, die so verstörend auf meine Mitmenschen wirkt(e), konnte ich plötzlich mit diesen Leuten teilen. Und ich brauchte noch nicht einmal ein Wort darüber zu verlieren, sie verstanden mich auch so.

So weit war also alles in trockenen Tüchern, als die Frage aufkam, was man denn nach dem Abi mit seinem Leben anstellen wolle. Meine Berufswahl stand schon seit dem Vorschulalter fest und daran war auch nichts zu rütteln.  Meine Tante meinte jedoch mal wieder, sich einmischen zu müssen und stachelte auch meine Mutter an, daß ich mir doch eine Lehrstelle suchen solle. Und sie hatte auch gleich eine für mich parat: ich sollte Bankkauffrau werden und nicht nur aus dem Grund, weil eine kaufmännische Ausbildung grundsolide und anständig ist, sondern auch, weil ich mich da ordentlich anziehen müsse. Beinahe schon hämisch erklärte sie mir die bankkauffrauliche Kleiderordnung und daß ich bestimmt wunderbar im taubenblauen Kostüm und weißen Blüschen aussehen würde. Ich sei doch so ein hübsches Mädchen, lamentierte sie, wieso ich mich denn so schrecklich zurechtmachen würde?

Weil ich mich in schwarzen Klamotten wohl- und in hellbunten verkleidet fühle? Weil ich mir so gefalle und das für mich die Hauptsache ist und nicht, ob mich andere mögen? Und mir Leute, die sich nur dann mit mir abgeben wollen, wenn ich so herumlaufe wie sie, gestohlen bleiben können?
Meine Antwort blieb meiner Tante jedoch erspart, weil mein Opa wieder dazwischenfunkte. Er hielt nämlich zu mir, mein Opa, und seine väterliche Rüge ließ seine Tochter, meine nervige Spießertante, grummelnd von dannen ziehen.

Die Gute hätte ohnehin nicht begriffen, welche Bedeutung meine Aufmachung für mich hatte und noch immer hat.  Für einen Grufti - man verzeihe mir, wenn ich jetzt verallgemeinere - ist schwarze Kleidung oder der Schmuck, den er trägt, viel mehr als ausschließlich das. Seine Erscheinung ist im Grunde ein nach außen hin zur Schau getragener Teil seines Wesens, die Enthüllung seines inner goth, ein öffentliches Bekenntnis zur Düsternis als Teil seiner Essenz, ein Symbol dafür. Daher ist es auch ein Ding der Unmöglichkeit, einen Grufti zum Normalo zu bekehren. Es wäre Selbstaufgabe.

Samstag, 7. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 1

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Jeder, der nicht dem gängigen Ideal des deutschen Durchschnittsbürgers entspricht, wird sich früher oder später mit dem Vorschlag, der Bitte oder dem Befehl konfrontiert sehen, sich doch bitteschön oder gefälligst "normal" zu kleiden und die Haare entsprechend zu stylen - entweder seitens der Verwandtschaft, der Mitschüler und der Lehrer, seitens der Kollegen oder des Chefs oder aller, die dir irgendwann über den Weg laufen und die ungefragt ihre Meinung zu deinem Aussehen äußern müssen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als meine Mitschüler den Versuch starteten, mich in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Das Ganze hatte nur einen Haken: ich wollte nicht!
Eine unbeirrbare Gesandtschaft der Kongregation pastellfarbener Lacosteshirtträger konnte es dennoch nicht lassen, mich auf den rechten Pfad zurückzuführen und aus der Dunkelheit hin zum Licht!
Wir hatten Sport. Aerobic. Sydne Rome. Eine ältliche Lehrerin in rosa Leg warmers, passendem Stirnband und einem dieser komischen Badeanzüge, die man über hautengen Gymnastikhosen trug. Himmelblaue Turnschuhe und Lackgürtel  mit Glitzersternchen. Ein Alptraum. Horror pur.
Die Jungs dürften Basketball spielen und Hockey, aber wir Mädchen mußten zu den ohrenbetäubenden Klängen einer Jane-Fonda-LP auf der Stelle treten und in spastischen Zuckungen zu den Rhythmen irgendeiner Disko-Pop-Tralala-Schnulze herumhampeln. Machte irrsinnigen Spaß und ungefähr so viel Vergnügen wie Brechdurchfall.

Unter Vortäuschung heftiger Kopfschmerzen - ich mußte mich noch nicht einmal anstrengen, leidend dreinzuschauen -  setzte ich mich an den Rand auf eine Gymnastikbank und muffelte vor mich hin. Da bemerkte ich, wie sich eine Abordnung von fünf, sechs Mädels im ähnlich stylischen Outfit wie die Lehrerin in mein Blickfeld schob. Als sie sich zu mir setzten und mich mit mildgütigem Lächeln von oben herab musterten, konnte ich sie kaum noch ignorieren. Es war jene Art von Gesichtsausdruck, mit dem man durchgeknallte Geisteskranke ansieht, ein wenig unsicher, aber gleichzeitig besänftigend und vorsichtig, um keine unvorhergesehene Reaktion seitens des Irren zu provozieren.
Der Irre, vielmehr die Irre war ich und ich war nicht sehr erbaut über die Störung.  Meine mürrische Miene hielt die missionswütige Schwesternschaft vom Orden der heiligen Burlingtonsocke jedoch nicht davon ab, mich anzuquatschen.
Und als sie mir im sanften Tonfall mitteilten, was der Grund ihres Überfalls war, nachdem sie sich huldvoll nach meinem Befinden erkundigt hatten (mein undeutliches Geknurre verschreckte sie auch nicht), fiel ich vor Schreck fast von der Gymnastikbank. Man wollte mich zu einer der regelmäßig stattfindenden Klassenparties einladen! MICH?!?!?! Wieso um Himmels Willen?
Man erklärte mir daraufhin und das auch wieder in einem Tonfall, als würde man mit einem minderbemittelten Kleinkind reden, daß es ja nicht anginge, daß ich immer von allen Gemeinschaftsaktivitäten ausgeschlossen wäre und es doch traurig wäre, daß ich nichts mit ihnen, meinen Klassenkameraden, zu tun haben wollte.
Hey, das hatten die immerhin mitbekommen! So doof, wie ich immer dachte, waren die dann doch nicht!

Ich muß dann allerdings ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben und besonders, als sie mich fragten, wieso das denn so wäre, verrutschte meine Abwehr signalisierende Miene.
"Wir haben nichts gemeinsam," brummte ich, nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen hatte. Dieses einfache Statement fasste meiner Meinung nach gut zusammen, was Fakt und nicht zu übersehen war. Davon ließen sich die pastelligen Poppergirls jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Ganz im Gegenteil, nun fühlten sie sich erst recht angestachelt, mir zu beweisen, daß dem nicht so sei.
Wie ich das denn meinen würde, wollten sie wissen.
Sacht mal, rede ich Kisuaheli oder was? Seid ihr blind?  Das Popperpony zu lang?
Ich war versucht, in bester Tarzanmanier mit "Du rosa, ich schwarz!" zu antworten, aber schwuppdiwupp entspann sich unter den Grazien eine heftige Diskussion, daß ich mich ja nur ein wenig mehr anpassen und auf sie zugehen müßte. Die Rede war von Klamotten in freundlicheren Farben und Spandau Ballet und Duran Duran und...ach, ich weiß nicht mehr, was sie mir noch alles schmackhaft machen wollten. Irgendwann schaltete ich mein Gehör ab und ging auf's Klo.

Die Party fand ohne mich statt.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 3


Die 90er oder wie der Haarlack aus meiner Tasche verschwand und wieder zurückkehrte...


Das Ende der 80er bedeutete für mich nicht nur das Ende meiner Schulzeit, sondern stellte auch den Anfang vom Ende meiner aktiven Zeit in der schwarzen Szene dar. Mit dem Abitur eröffneten sich mir endlich die Wege, die ich immer schon einschlagen wollte, fernab von den täglichen Grabenschlachten und Wortgefechten in den Gängen unseres Dorfgymnasiums, fernab von der beschränkten Welt und den Zwängen der Schule, die ich nur durchgestanden hatte, um meinen Traumberuf erlernen zu können...

Mein Freundeskreis änderte sich zwangsläufig in jener Zeit.
Das, was uns während der Schulzeit zusammengeführt hatte, war zum großen Teil hinfällig geworden: wir waren keine Außenseiter im Verband unserer Jahrgangsstufe mehr, eine Handvoll Eigenbrötler, die aus dem Rahmen fielen und sich genau dadurch selbst definierten, die sich abgrenzen wollten und ihren Klassenkameraden hin und wieder gerne Uniformität unterstellten und die Monotonie ihres aus unserer Sicht öden Seins unter die Nase rieben.
Ja, auch ich kann mich und besonders mein Teenie-Ich nicht davon freisprechen, Leute in Schubladen zu stecken bzw. gesteckt zu haben. Und mit der viel beschrienen Toleranz der Schwarzgewandeten war es zumindest in unserem dunkelbunten Umfeld nicht weit her. Wir waren damals Kinder und diesen noch nicht ganz fertigen Menschen sind Eigenschaften wie Verständnis und Nachsicht im Umgang mit ihren Mitmenschen doch ziemlich fremd. Im Gegenteil, wir waren stolz darauf, nicht so zu sein wie alle anderen und blickten sogar mit einem Quentchen Hochmut auf diese langweiligen Normalos herab.
Das Anderssein einte uns – anders im Hinsicht auf die Musik, die wir hörten, die Bücher, die wir lasen, die Themen, die wir diskutierten, die Orte, die wir aufsuchten, die Interessen, die wir teilten. Nicht zuletzt dienten Kleidung, Haartracht und Make-up der Visualisierung der gewaltigen Kluft, die uns in jeglicher Hinsicht von den anderen trennte.

Diese Kluft war plötzlich nicht mehr vorhanden, nach dem Schulabschluß zerbrach der Klassenverband und ich mußte mich neu orientieren.
Ich begann das ersehnte Ägyptologiestudium und traf andere Ägyptenverrückte, mit denen ich mich austauschen konnte, hatte einen guten Nebenjob in einer Arztpraxis (eine weiße Kluft war unumgänglich), und der Kontakt zu meinen alten Freunden brach langsam, aber sicher ab.
Meine Vorliebe für schwarze Kleidung, Horrorliteratur und -filme und mein Musikgeschmack änderten sich zwar nicht, jedoch kamen andere Interessen hinzu: mein Horizont erweiterte sich und damit verschoben sich meine Prioritäten. Was in den 90er Jahren in der schwarzen Szene passierte, ist größtenteils an mir vorbeigegangen bzw. weiß ich nur vom Hörensagen. Ich hielt mich damals im wesentlichen in der Uni oder an meinem Arbeitsplatz auf und fuhr, so oft es mir möglich war, nach Ägypten (Pikes sind nicht sehr zweckmäßig, um in Gräbern herumzukrauten und schwarze Klamotten sorgen im Hochsommer im Luxor nur für einen Kreislaufkollaps). Außerdem pflegte ich verstärkt eines meiner Hobbies: die Darstellung einer Klingonin aus Star Trek. Im Nachhinein sehe ich zwischen meiner schwarzgewandeten Klingonin und dem gruftigen Teenager, der ich einmal war, einige Parallelen. Nicht nur, daß ich die Einzige in meinem damaligen Umfeld war, die einer solch exotischen Freizeitbeschäftigung nachging, ich suchte und fand dadurch neue Freunde und Bekannte, denen es ebenso Spaß machte, sich die Kostüme und Masken, die man für eine ordentliche Darstellung brauchte, selbst zu nähen und zu fabrizieren. Wie oft haben wir Nerds, von den Briefmarken sammelnden Normalos spöttisch belächelt, gemeinsame Basteltage verbracht, Maskenbildnertipps ausgetauscht und uns beim Schminken und Maske/Kostümanlegen geholfen, bevor es auf eine Convention ging! Ja, auch da hatte ich Haarlack dabei, um die struppige Klingonenkreppfrisur, die doch ein wenig an den Zottellook meiner Gruftizeit erinnerte, den Tag überstehen zu lassen!
Ein wenig war es wie früher, als man sich seine Gruftklamotten selber nähte und seinen Nietenschmuck selbst zusammendrosch, sich beim Toupieren der Haare helfen und von der Freundin den Lidstrich ziehen ließ...

Nur war die Klingonin nicht mehr als eine Verkleidung für mich, die mich aus dem Alltag ausbrechen und in eine andere Rolle schlüpfen ließ, der Grufti (oder meinetwegen auch Goth) jedoch ist tief in mir verwurzelt. Er ist ein Teil meines Ichs, ein ziemlich eigensinniger Teil, der gerne gegen gesellschaftliche Zwänge rebelliert, aber mittlerweile akzeptiert hat, daß es unumgänglich ist, sich hin und wieder den gängigen Normen anzupassen – wenigstens ein Stück weit – und der durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann man besser die Pikes und Nietengürtel im Schrank zu lassen hat.

Im Grunde ist dieser Teil in den 80ern stecken geblieben. Mag sich die schwarze Szene auch weiterentwickelt haben, ich bleibe meinem altmodischen Gruftstyle treu. Mit Cybergoths kann ich nichts anfangen, die sind mir zu bunt und zu schrill und was Steampunk mit Gothic zu tun hat, erschließt sich mir auch nicht. Da bin ich konservativ. Überhaupt schaue ich mir mit Staunen und teilweise offenem Mund an, was es so alles für den Gothic von heute und die kuriosen Ableger, die die schwarze Szene getrieben hat, zu erwerben gibt. Und mehr als einmal habe ich mich schon bei dem Gedanken „Das hätte es damals bei uns aber nicht gegeben!“ ertappt. Naja, leben und leben lassen und wer Spaß am pinkfarbenen Schläuchen mit blinkenden LEDs auf'm Kopf hat, dem sei der von Herzen gegönnt!

Wenigstens brauche ich bei diesen Cybergoths keine Angst zu haben, daß sie mir ein Paar Pikes vor der Nase wegschnappen und die Ruhe auf meinem Friedhof stören! ;-)


P.S.: Wenn ich von „wir“ oder „man“ schrieb, meinte ich damit nicht generell die schwarze Szene, sondern ausschließlich meinen damaligen Freundeskreis und meine Wenigkeit. Bei „den anderen“ handelt es sich dementsprechend um Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen, Verwandte etc. Kurz: die Typen aus den Schubladen „Popper“ und „Normalo“ :-D

Mittwoch, 19. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 2

Oder wie man als Grufti in den 80ern überlebte...


So abwegig war die Idee eigentlich nicht, den Haarlack als Waffe zu gebrauchen – selbstverständlich nur zur Selbstverteidigung und nicht um ein paar Popperkids ihrer rosafarbenen Poloshirts zu berauben.
Das klebrige Spray konnte nämlich auch als Tränengasersatz dienen, falls man auf ein paar besoffene Skinheads traf, die gerade darauf aus waren, ein paar „Gruftis zu klatschen“.
Gott sei Dank kam ich nie in eine solche Bredouille, aber ich war froh, immer mein Haarspray in den Untiefen meines Rucksacks zu wissen, nachdem ich schon von dem ein oder anderen unerfreulichen Zusammenstoß zwischen Glatzköppen und Dunkelbunten gehört hatte. Meine Erfahrungen diesbezüglich beschränken sich darauf, nur angepöbelt zu werden, aber das reichte mir schon.
Dabei mußte man nichts anderes tun, als den Skins aus dem Weg zu gehen: deren Revier befand sich beim Hauptbahnhof, das unsrige beim Stadthaus. Traf man sich dennoch in der Innenstadt, die genau dazwischen liegt, hieß es, die Zähne zusammenzubeißen und darauf zu hoffen, daß der Haarlack nicht zum Einsatz kommen mußte.

„Hassu Haarlack dabei?“ ertönte wesentlich zaghafter die Frage, als uns eines Samstagsabends einmal eine Horde krakehlender Skins entgegenkam. Ich nickte stumm und schluckte. „Gut, ich auch,“ wisperte es zurück. Wir taten allerdings cool und ignorierten die Bierflaschen schwenkende Bande, um zügig unserer Wege zu gehen. Der Haarlack wurde an diesem Abend dennoch gebraucht, aber wirklich nur, um die Frisur zu richten!




Eine andere Möglichkeit, diesen unliebsamen Begegnungen zu entgehen, war es, sich auf dem Friedhof zu verstecken und die Party dorthin zu verlegen.
Da trauten sich die Skins nämlich nicht hin.
Bei Kerzenschein und einer Flasche Wein, die die Runde machte, las man klassische Gruselgeschichten wie „Der Horla“ von Guy de Maupassant oder „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu. sprach über den unvermeidlichen „Dracula“ von Bram Stoker und dessen diverse Verfilmungen und die frühen Werke von Stephen King (die ich damals als Jugendliche gerne las, heute finde ich die Geschichten eher platt und vorhersehbar), beobachtete Fledermäuse, diskutierte über Gott und die Welt und genoß einfach die Stille bei Mondschein und Sternengeflimmer.
Schwarze Hühner haben wir allerdings nicht geschlachtet und auch keine Grabsteine beschmiert, wie man uns gerne unterstellt(e), und auch Satan nicht beschworen.
Im Grunde haben wir uns einfach nur die richtige Location für unsere Literatur- und Diskussionszirkel gesucht, um diesen Zusammenkünften mal einen etwas hochtrabenden Namen zu geben. Sich Vampirgeschichten mitten in der Nacht auf einem Friedhof oder im Schatten einer alten Burgruine, von denen es in unserer Gegend etliche gibt, zu erzählen, das sorgte für angenehmen Grusel und das ganze Ambiente dafür, daß man vollkommen in die Geschichte eintauchen konnte.




Okkultismus und diverse Praktiken, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen, waren jedoch auch beliebte Themen, mit denen wir uns beschäftigten. Der einzige Versuch, mit einem Verstorbenen zu kommunizieren endete jedoch dank eines zu hohen Alkoholpegels der Beteiligten in albernem Gegacker, als wir unsere erste (und letzte) Séance abzuhalten versuchten und unser angebliches Medium mit dem Knie von unten an die Tischplatte klopfte und im schaurigen Tonfall „Buhuhuhuuuuuu!“ hauchte...

Dienstag, 18. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 1


Oder wie man in den 80ern als Grufi überlebte...


Es war ein schöner Samstagabend, als ich diese Frage das erste Mal vernahm.
Irgendein Sommerwochenende in den 80ern und die Ampel war gerade rot.
Ich saß hinten im Auto, vor mir eine Freundin, die knapp zwei Jährchen älter war als ich und gerade ihren Führerschein gemacht hatte, daneben ihr Freund. Im Kassettenrekorder dröhnte „Shake Dog Shake“ vom Album „Concert – The Cure live“.




Wir waren auf dem Weg nach Meckenheim, um einen Bekannten abzuholen, danach wollten wir in unsere Stammkneipe.
Es war, wie gesagt, Sommer und dementsprechend heiß. Die Fenster hatten wir heruntergekurbelt, aber nur ein Stückchen, damit der Fahrtwind unsere mühevoll zerzausten Haargebilde nicht zerstörte.
Trotzdem pustete es auf der Schnellstraße ganz ordentlich. Ich ging hinter dem Fahrersitz in Deckung – es war ohnehin schwierig genug gewesen, die aufgetürmte Frise heil ins Auto zu bekommen und jetzt auch noch dieser blöde Wind...
Meine Freundin kurbelte beinahe schon panisch die Fenster wieder hoch.
„Hassu Haarlack dabei?“ kiekste sie hysterisch.
Hektisches Gezuppel an weiß-schwarz-lila gefärbten Strubbelhaaren ihrerseits, hektisches Gewühle in der Tasche meinerseits.
Haarlack hatte man damals selbstverständlich immer dabei. 

Zwar war der gekreppte und toupierte Zottellook à la Robert Smith dank Gel und Haarlack ultrastrong bombenfest einbetoniert und das Krähennest quasi sturmsicher, aber selten verließ man das Haus ohne eine Notfallpulle Haarspray.
Endlich hatte ich das Gewünschte in den schwarzen Abgründen meiner Tasche gefunden, reichte meiner Freundin den Haarlack und sie dieselte sich großzügig damit ein. Die Luft im Auto verklebte uns schlagartig die Lungenbläschen, aber die Frisur war gerettet.
Neben uns ein paar Popper im ultrafeinen Ausgehzwirn und Papas BMW, die mit offenen Mündern zu uns herüberstarrten. Wahrscheinlich dachten die, diese komischen Gestalten dröhnten sich mit irgendeiner geheimnisvollen Droge zu – Gruppenschnüffeln im klapprigen schwarz-roten Uraltpolo. Man muß ja schon bekifft sein, wenn man sich Tinto (einer der kleinen Vampire aus „Tierisch vampirisch“ von Jackie Niebisch) auf die Motorhaube malt. Der zierte nämlich die des Autos meiner Freundin samt seiner bluttriefenden Hauerchen.

Wir winkten fröhlich zu den geschockten Popperkids hinüber, sie schauten blitzschnell weg und starrten betreten auf die Ampel, die einfach nicht grün werden wollte.
Was dachten die wohl? Daß wir sie mit unserem Haarlack k.o. sprühen würden, um sie auszurauben? Oder daß wir die Zähne blecken und über sie herfallen würden, um sie auszusaugen?  

Gemütlich lehnte ich mich zurück, als meine Freundin wieder anfuhr.
Die Stimmung war bombig, die Haare hielten dank einer Extraportion Haarlack und wir gröhlten "Primary"mit...




Montag, 17. Juni 2013

Back to the roots...boots...PIKES!

"Als Pikes bezeichnet man Schuhe, die vorne extrem spitz zulaufen.
(...)
Pikes wurden seit den 1980er Jahren bevorzugt von Anhängern der Wave- und Gothiksubkultur getragen, hier meist als knöchelhöhe Stiefeletten mit drei bis fünf Schnallen, jedoch sind auch flache Halbschuhe (mit gar keiner oder nur einer Schnalle) und höhere Stiefel (bis mindestens Kniehöhe und etwa 10 Schnallen) erhältlich."
Quelle: Wikipedia

Meine ersten Pikes kaufte ich Mitte der 80er Jahre, nachdem ich lange mein Taschengeld dafür gespart hatte. Die Dinger kosteten damals die nicht unwesentliche Kleinigkeit von ca. 150 DM, was für mich als Schülerin ein Haufen Kohle war. Um so geiler war's, als sie endlich mein waren!
Das war auch das erste und einzige Mal, daß ich jenes angeblich für das weibliche Geschlecht typische Glücksgefühl empfand, wenn frau sich ein Paar Schuhe kauft. Den Besuch eines Schuhladens sehe ich eher als notwendiges Übel an, das sich nicht umgehen lässt, wenn ich ein paar neue Treter brauche. Meistens gibt es eh nix, was mir gefällt und wenn doch, dann nicht in meiner abartigen Schuhgröße (42) - höchstens in der Männerabteilung.

Mein treuer (linker) Pike

Meine Pikes jedoch, ach, die sind vielmehr als nur schnödes Schuhwerk für mich! 
Zu allem Überfluß werde ich jetzt auch noch nostalgisch und ein wenig wehmütig...
Aber es hängen jede Menge Erinnerungen an diesen zwei eleganten, schmal-spitzen Stiefeletten aus weichem Veloursleder, jede mit einem schwarzen Reißverschluß und sechs Schnallen versehen. Niemals wieder stand ein Paar schönere Schuhe in meinem Schuhregal...
Die Pikes begleiteten mich fürderhin in die Schule, zum Abi-Ball, auf Reisen, Parties, in unsere damalige Stammkneipe. Wo ich hinging, da gingen auch meine Pikes hin.
Um sie ein wenig aufzupimpen, montierte ich Ketten dran - aus dem Baumarkt und mit Draht an die Schnallen getüdelt. 
Ohnehin haben wir damals viel gebastelt und genäht und das schwarze 08-15-Zeug von C&A mit Sicherheitsnadeln, Spitze, Schnüren und Nieten, die man zur Freude der Nachbarn mit viel Getöse in den Stoff gekloppt hat, zu individuellen Kleidungsstücken umgebaut. 
Hauptsache, nicht aussehen wie diese markengeilen Popper in ihren pastellfarbenen Miami Vice-Klamotten!

Gab es schwarzeń Stoff im Schlußverkauf, dann wurde zugeschlagen und Mutter bekniet, die Nähmaschine herauszuholen. Das Schnittmuster meines bodenlangen Fledermausmantels mit weiten Ärmeln und riesengroßem Kragen war natürlich auch selbst entworfen.
Mit meinen klimpernden Ketten-Pikes und diesem Umhang sah ich wahrscheinlich aus wie die dunkle Schwester von Hui Buh, dem Schloßgespenst, aber ich gefiel mir so und fand mich wesentlich cooler als meine in Esprit, Marc O'Polo oder Boss gewandeten Mitschüler. Selbstverständlich sind wir Freaks nie auf eine der Feten eingeladen worden, die jedes Wochenende irgendwo bei einem dieser Benettonfetischisten stattfanden. Aber was sollten wir auch da? Uns deren inhaltsloses Gequatsche anhören und das Gedudel aus den Charts? Neeee, das seichte Geträller von Spandau Ballet und später dann A-Ha - darauf fuhren die halt ab - war einfach nix für mich. Ich war und bin ein großer Fan von The Cure, meine damalige beste Freundin hörte Alien Sex Fiend und ansonsten das, was damals eher nicht in den Top Ten zu finden war.

Nun ja, eigentlich wollte ich nichts über Musik schreiben - ich höre ohnehin das, was mir gefällt, unabhängig vom Genre -, sondern über Pikes. Aber ich bin mal wieder ins Schwaffeln geraten *schäm*
Zurück zum Thema: PIKES!
Mit halb lachendem, halb weinendem Auge hängt mein Blick gerade an dem anscheinend einzigen Überlebenden meiner zwei Paar Pikes, der linke jener wunderbaren Wildlederstiefel, die mich ein Großteil meines Lebens begleitet haben und die bei unserem letzten Umzug leider verschwunden sind. Nun ist der besagte linke Schuh wieder aufgetaucht, der andere bleibt jedoch verschollen, mein zweites Paar - Ballerinas aus Glattleder und mit je zwei Schnallen - ebenso *schnief*

Heutzutage anständige Pikes zu bekommen, ist schier unmöglich. Seit Jahren suchte ich im Internet, bis ich irgendwann über die Schuhmanufaktur Retroshu in GB gestolpert bin. Die scheinen tatsächlich exakt die Pikes anzubieten, die ich suche: Klone meiner alten - mit dem Unterschied, daß der Reißverschluß bei meinen schwarz ist und da silbern. Aber so kleinlich simmer ja dann doch nich'! 
Leider Gottes hat sich mein anfangs gutes Bild von dieser Firma nach etlichen Recherchen in Mißfallen aufgelöst und daher sehe ich davon ab, dort zu bestellen.
Und über das Drama mit Fantasyshoes und Pennangalan will ich kein Wort verlieren. Außerdem scheinen die dort angebotenen Pikes meinen alten Babies nur auf den ersten Blick zu ähneln. Wie ich das sehe, besitzen die eine Naht zwischen Spitze und Reißverschluß und das finde ich ätzend. Als Alternative bieten sich zweifellos auch die Winklepickers der altbekannten Firma Underground an, aber die führen leider keine Klone meiner Veloursleder-Pikes.


Pikes von Nevermind

Nun stehen hier also diese wunderschönen neuen Pikes von Nevermind herum, mit denen mich die böse liebe Sally vom Paranox in Bonn in Versuchung geführt hat. Ich betrat den Laden und sie schmetterte mir fröhlich entgegen: "Wir haben übrigens Pikes da!" Und dann gab es die auch noch in meiner Größe...
Ich war quasi willenlos, als sie sich erst einmal an meinen Füßen befanden.
Und es war beinahe wieder so wie damals...

Montag, 22. April 2013

Schwarzträger = Emo?!?!

Der letzte Samstag war einmal wieder sehr aufschlußreich, was die Intoleranz und Beschränktheit unserer Mitmenschen angeht. Wirklich erstaunlich war, daß sich diese Zusammenstöße mit Jugendlichen ereigneten, von denen man doch eigentlich eine gewisse Aufgeklärtheit und Liberalität erwarten könnte - nicht zuletzt dank der Vielfalt an Medien und Informationen, die heutzutage zur Verfügung stehen.
Ob ich zuviel von diesen pubertären Gören erwarte? Bestimmt. 
Das, was ich erwarte, weil ich es auch anderen entgegenbringe, ist ein Mindestmaß an Respekt und Toleranz. Und wenn man letzteres schon nicht aufzubringen vermag, dann sollte man sich auf seine gute Erziehung besinnen - falls man eine solche überhaupt genossen hat - und nicht in der Öffentlichkeit herumpöbeln.

Kurz zur Vorgeschichte: am Samstag besuchten meine vierzehnjährige Tochter und ich den Berufsinformationstag in der Schule, eine Pflichtveranstaltung. Ich trug halt mal wieder meine üblichen schwarzen Klamotten - was auch sonst? Mein Mantel ist vielleicht ein Stück zu lang für den konventionellen Geschmack und ab der Taille zu ausgestellt und meine Pikes (jaaaaa, ich hab' mir letzten Monat neue gegönnt!) ein wenig zu spitz ;-)  Das Töchti folgt Mamas 80er Jahre-Gruftstyle nicht wirklich, aber nimmt gerne meine alten Klamotten, die noch aus meiner Teenagerzeit stammen (und die ich gehegt und aus nostalgischen Gründen aufbewahrt habe), kombiniert die mit den ihren und verfolgt ihren ganz eigenen dunkelbunten Stil.
Also tauchten wir beide schwarzgewandet - also in unserer alltäglichen Kleidung - in der Schule auf...

Quelle: Google Bildersuche - Cartoon spukt auf etlichen Internetseiten herum.
No copyright infringement intended.


"Emo!" war noch das Harmloseste, was man uns hinterherrief - das sollten wir an diesem Tag noch öfters zu hören bekommen -, und "Halloween ist schon vorbei!" Das kam ausgerechnet von einem Halbstarken, dessen Hose unter'm A... hing und der aussah, als wäre er in die Zombieapokalypse geraten, nun ja...
Ein 14-/15jähriger meinte gar, mir raten zu müssen, ich solle erwachsen werden *LOL* Das war der Knaller schlechthin!
Leider hat meine Tochter noch kein so dickes Fell wie ich und reagiert auf solche Zurufe. Ich registriere diese Äußerungen zwar, sie prallen jedoch an mir ab. Ich schere mich nicht um das, was Fremde, die mich nicht kennen und auf deren Bekanntschaft ich auch nicht unbedingt Wert lege, von mir halten. Genau das versuche ich auch meinem Töchti beizubringen und bislang klappt das ganz gut. Nebenbei bemerkt bin ich sehr stolz auf mein Mädchen: auch wenn sie sich über diese Dumpfbacken ärgert, läßt sie sich nicht von ihnen beeinflussen, sondern zieht ihr Ding durch. Nur der Spamfilter auf ihren Ohren muß noch undurchlässiger werden.

Das Einzige, was mich nervt, ist, wenn man mich als Emo bezeichnet, muß ich zugeben. Ich hasse es, in diese Schublade gesteckt zu werden, auch wenn sich derjenige, der alle Schwarzträger für Emos hält, dadurch als ignoranter Dummkopf erweist. Keine Ahnung von Subkulturen, aber man hat ein modisches Schlagwort aufgeschnappt und freut sich offensichtlich, damit mal jemanden beleidigen zu können. Denn an der Schule hier ist EMO schon längst die Abkürzung für Emotionales Mobbing Opfer geworden. Supi!

Eigentlich ist es traurig, daß die meisten Halbwüchsigen nur durch die Herabsetzung anderer von ihren Minderwertigkeitskomplexen ablenken und somit ihr Selbstbewußtsein (oder Selbstüberschätzung?) vor ihrer Clique demonstrieren können. Selbstbewußtsein...hmmm, besitzen diese Kids, die mitten in der Phase der Selbstfindung stecken, so etwas überhaupt? Ich meine damit: sind sie sich ihrerselbst überhaupt bewuß?
Schauen wir einmal, was Wikipedia (die m.E. kein ernstzunehmendes Nachschlagewerk ist, aber naja...) dazu sagt: "Selbstfindung ist ein Begriff aus der Enwicklungspsychologie Er beschreibt einen in der Pubertät beginnenden Prozess, durch den ein Mensch versucht, sich in seinen Eigenheiten und Zielen zu definieren, vor allem in Abgrenzung von der Gesellschaft und ihren Einflüssen."
Ähm, ja...für die Kids, denen wir begegnet sind, gilt das wohl nicht. Die definieren sich anscheinend nur durch größtmögliche Anpassung an die Gesellschaft, deren Normen und Trends. Ist ja auch kein Wunder, denn um sich selbst zu finden, muß man sich erst einmal suchen - was aber, wenn die Suche ergebnislos bleibt? Bei den Typen, die hohler sind als Christbaumkugeln, gibt's eben nicht viel zu entdecken. Denen bleibt nichts anderes übrig, als dem Rest der Hammelherde zu folgen und sich anzupassen.                                                                                                                                                                                         

Quelle: Google Bildersuche - Cartoon spukt auf etlichen Internetseiten herum.
No copyright infringement intended. 

Daher sollte ich auch deren "Emo!"-Ruf überhören - dafür bleibt mir das genervte Stöhnen und Augenrollen anderer Grufts im Gedächtnis kleben, die das ebenfalls kennen und schon so betituliert worden sind.
Keine Sorge, es folgt jetzt keine Sonntagspredigt über die Unterschiede zwischen Emos und Goths. Es gibt genügend Seiten im Internet, wo die Problematik diskutiert und dokumentiert wird: z.B. Goth vs. Emo oder Goth and Emo oder Emo als Subkultur
Humorvoll mit weiteren Cartoons wird das Thema von Trellia abgehandelt: Emo-Kids
Mitten ins Schwarze getroffen! :-D

Was genau stört mich nun daran, als Emo bezeichnet zu werden?
Zum einen sollte man auf den ersten Blick und anhand ganz oberflächlicher Kriterien - Kleidung und Frisur z.B. - erkennen können, daß ich keiner bin. Auf der anderen Seite - und das können die wenigsten beurteilen - passe ich von meinen Interessen und Charakterzügen gar nicht ins Emoraster - Klischees lassen grüßen. 
Um's klarzustellen: ich habe nichts gegen Emos, ich habe nur etwas dagegen, diesen (oder irgendeinen) Stempel aufgedrückt zu bekommen. Und ich habe etwas dagegen, daß einige Unbelehrbare meinen, sie könnten mit ein paar dummen Bemerkungen Einfluß auf die Lebensgestaltung anderer nehmen. Selbst meiner Schwiegermutter antworte ich auf "Du mußt...blablabla..." mit "Ich muß gar nichts, nur irgendwann einmal sterben!"