Freitag, 6. September 2013

Schulbeginn

Die Ferien sind vorbei und die erste (halbe) Schulwoche auch schon. 
Wie schön...nicht! 
Irgendwie sind die Sommerferien heute schneller um als meine damals. Naja, die Zeit ist einfach schnellebiger, neee, schnelllebiger (das sieht doch krank aus!) geworden und die Feriendauer daher wohl auch kürzer. Nein, natürlich nicht, aber mir kommt es so vor. Wahrscheinlich, weil ich es so genossen habe, nicht mitten in der Nacht aufstehen zu müssen und meinen Tagesablauf flexibler gestalten konnte. Jetzt hat uns der Alltag, der uns in ein straffes Zeitkorsett quetscht, wieder. Beide Kinder sind in die nächste Klasse versetzt worden, wider Erwarten sogar der Sohn, der wie immer reichlich unmotiviert ins neue Schuljahr startete. Wenn er sitzengeblieben wäre, wäre es auch kein Beinbruch gewesen. Ich bin im Gegenteil sogar der Meinung, daß ihm das gutgetan hätte, aber seine wohlmeinenden Lehrer haben ihn noch einmal durchgewunken. Ändert trotzdem nichts an seiner Haltung. Schule ist doof! 

Kann ich verstehen. Und ehrlich gesagt bin ich froh, heute kein Kind sein zu müssen. Die Zeit ist nämlich nicht nur schnell(l)ebiger geworden, sondern unbarmherziger, unmenschlicher, rücksichtsloser. Kinder bekommen das von Geburt an zu spüren und werden schon im Krabbelalter auf Leistung gedrillt - meistens von ihren konkurrenzgeilen Müttern, die es nicht haben können, daß ihr Baby mit neun Monaten noch keine Opernarien trällern kann im Gegensatz zu dem jüngeren Blag einer anderen Mutti aus der Pekipgruppe. Im Kindergarten geht's dann richtig zur Sache. Musikalische Frühförderung steht auf dem Programm, Ballett, Fußball, Judo, Tennis, Englisch- und Französischunterricht für Kleinkinder etc. Und das alles wird einem unter dem Deckmantel "Spiel und Spaß" verkauft. Manches Vorschulkind hat einen Terminplan, der voller ist als der eines Erwachsenen. Freizeit?  Fehlanzeige! Kreatives Buddeln in Sand und Matsch? Schreiend herumtoben? Oder einfach nur mal herumgammeln und den eigenen Gedanken nachhängen? Sich über Wiesen kullern und im Winter im Schnee wälzen? Das dient keinem Zweck und ist pädagogisch nicht wertvoll. Das Kind lernt dabei ja nichts und außerdem könnte es sich dabei schmutzig machen. Wird also gestrichen!

Dann wird das Kind eingeschult.
Die akademischen Leistungen des kleinen Menschen werden nun zum ultimativen Maßstab, an dem sich der elterliche Erfolg oder auch Versagen messen läßt. Bringt das Kind gute Noten heim, einen Pokal beim Sportfest oder eine Auszeichnung beim Mathewettbewerb, dann hat man mit seiner Erziehung alles richtig gemacht. Daß das Kind Selbstbehauptungskurse besuchen muß, wo sein nicht vorhandenes Selbstbewußtsein aufgebaut wird, ist belanglos. Daß sich das Kind aus Angst vor anderen Kindern, die auf dem Pausenhof etwas ruppiger spielen, hinter einem Busch versteckt, ist selbstverständlich die Schuld der anderen Eltern, die ihre Sprößlinge nicht im Griff haben.  Klingt übertrieben, entspringt jedoch nicht meiner Phantasie!
Dem Kind als Zentrum des eigenen Universums, um das sich alles Denken und Handeln dreht, wird damit eine Rolle aufgebürdet, die so schwerwiegend ist, daß ich mich frage, wie liebende Eltern ihrem Nachwuchs so etwas überhaupt antun können. 

Mein Mann und ich sind in den Augen dieser Eltern Versager. Dabei verfolgen wir nur andere Ziele für unsere Kinder und ein anderes Erziehungskonzept. Und das ist schlimm!
Wehe, Kind entspricht heute nicht der Norm! Wehe, Kind besitzt Phantasie und gibt sich gerne kreativen Freizeitbeschäftigungen hin! Freizeit ist ohnehin ein ganz böses Wort. Freie Zeit - das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Frei - das könnte ja etwas mit Entspannung, Nichtstun und Zwanglosigkeit zu tun haben. Anarchie!

 Quelle: http://www.medical-tribune.de/medizin/medizin-cartoons/kinderheilkunde/1283.html

Nein, was heute nicht der Norm entspricht, ist krankhaft und muß therapiert werden. War bei uns damals Legasthenie die Modekrankheit - wer mehr als zwei Rechtschreibfehler in einem Diktat hatte, war verdächtig -, so wird heute ADHS inflationär diagnostiziert.  Wibbelt man mal im Unterricht mit dem Stuhl und spielt mit seinem Radiergummi herum, weil einen die Ausführungen des Physiklehrers langweilen, hat man ADHS und braucht Ritalin, um den Pädagogen nicht in seiner Arbeit zu stören. Ganz furchtbar ist es auch, wenn die Schulnoten nicht den Ansprüchen der Eltern genügen. Aber auch dann hilft dieses Koks auf Rezept, das quasi als eine Art Hirndoping wirkt. Hauptsache, das Kind funktioniert - und zwar in allen Bereichen! Individuelle Begabungen und Interessen? Danach fragt heute niemand mehr. Und so traurig es ist, selbst viele Eltern scheinen ihre Kinder unter dem wachsenden Druck unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr so annehmen zu können, wie sie sind, und unfähig oder nicht willens, die Talente ihrer Sprößlinge zu erkennen und in dem Maß zu fördern, wie es dem Können des Kindes entspricht. Nicht in jedem Kind steckt ein Genie, geschweige denn ein Universalgenie! Aber sagt das mal dem Gros der Eltern, die fest davon überzeugt sind, daß ihr Sproß ein zukünftiger Nobelpreisträger ist! 


Quelle: http://www.legasthenie-reutlingen.de/englisch.html


Was bin ich froh, daß ich kein Kind mehr bin! Wahrscheinlich hätte ich die Megadröhnung Ritalin bekommen, denn ich, die schon optisch nicht dem Durchschnittsschüler von damals entsprach, verbrachte den langweiligen Matheunterricht damit, Hieroglyphen zu malen und Pyramiden, kippelte gerne mit meinem Stuhl herum und habe jetzt noch Schwierigkeiten, lange stillzusitzen. Nur wenn ich altägyptische Texte übersetze, kann ich Geduld und Ausdauer aufbringen. Hieroglyphen sind mein Ritalin!

Tja, was mache ich aber nun mit meinem Sohn, der ein ganz normales Kind ist und sich für Sachen interessiert, die nicht in der Schule gelehrt werden? Wäre ich eine Weißkittelanbeterin und den goldenen Worten der Lehrerschaft hörig, dann würde mein Sohn schon seit Jahren Ritalin bekommen. Das hat mir seine Mathelehrerin in der Grundschule allen Ernstes mal vorgeschlagen, aber als ich ihr beinahe an die Kehle gesprungen bin, hat sie sehr schnell davon Abstand genommen :D
Ich schwanke also immer noch zwischen mütterlicher Sorge und der Frage "Was soll nur mal aus dem Jungen werden?" und der Gewißheit, daß er genug von uns, seinen Eltern, gelernt hat, um seinen Weg zu machen. Aber den muß er erst einmal finden und ich halte es für wichtiger und richtiger, daß er den Anfang dazu selbst entdeckt und wir ihm nicht befehlen, wohin er laufen soll. Wir sind nur seine Begleiter auf seinem Lebensweg, aber nicht diejenigen, die ihm die Richtung vorgeben...

Kommentare:

  1. Puh dein Text erinnert mich an viele Kinder, die ich so kenne.... ich arbeite im Hort einer Grundschule und ich habe z.B. ein Mädchen, das sagt, sie darf fast nie spielen. Sie muss gleich nach dem Unterricht nach Hause gehen und wenn sie doch mal länger bleibt und noch etwas tobt mit ihren Freundinnen, steht nach spätestens 10 min. die Mutter vor der Tür. Dieses arme Kind hat einen so vollen Terminplan, sie macht Gymnastik, geht zum Schwimmen, lernt 2 Instrumente und muss ansonsten viel für die Schule machen... das ist so traurig! Ich finde es ok, wenn man sein Kind fördert, aber es sollte alles im freiwilligen Bereich bleiben und auch gute Ergebnisse in der Schule kann und sollte man nicht erzwingen...

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    1. Das ist schon ganz schön traurig, wenn ein Kind nicht mehr spielen darf bzw, keine Zeit mehr dafür hat.
      Was ich mich allerdings immer frage, ist, was in den Eltern vorgeht, die ihre Kleinen so trietzen. Die waren doch selbst einmal Kinder! Oder haben die das vollkommen verdrängt?
      Die Eltern von Mitschülern meiner beiden sind größtenteils auch so. Dabei sind die doch wie mein Mann und ich in den 70ern/80ern groß geworden und damals ist man nach den Hausaufgaben mit Freunden draußen spielen gewesen und abends dreckverkrustet heimgekommen. Wieso nur dürfen deren Kinder das nicht?
      Versteh' ich nicht.

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