Montag, 30. Dezember 2013

Alle Jahre wieder...

Wir haben Weihnachten überlebt. Hurra!
Seit einigen Jahren machen wir es so wie anno dazumal die alten Ägypter.
Wir verbarrikadieren uns und lassen keinen herein, damit sich die Mär von der stillen Nacht und dem Fest der Liebe bewahrheitet. Und wir verlassen das Haus nicht und statten auch niemandem einen Besuch ab - im Gegensatz zum Rest der Menschheit, die Weihnachten dazu nutzt, Angehörige und angeheiratete Verwandtschaft heimzusuchen, deren Speisekammern zu plündern und einen zünftigen Familienkrach anzuzetteln. 

Ja, schon die alten Ägypter wußten, daß es besser ist, sich am Jahresende zu verrammeln, treiben doch die Unheil und Krankheit bringenden Dämonen der Sachmet gerade dann ihr Unwesen und machen mit ihrem Pesthauch jede Feiertagsstimmung zunichte. Diese vagabundierenden Schreckgestalten, die Seuchen und Tod verbreiten, lässt man am besten nicht ins Haus. Daher laden wir auch niemanden aus unseren Familien ein. Es ist nun nicht so, daß ich all meine Angehörigen meide wie die Pest, jedoch den größten Teil. Denn eigentlich, so meine Erfahrungen nach zig Weihnachtsfesten mit der lieben *röchel* und ziemlich großen Verwandtschaft, geht es denen bei derlei Familienzusammenkünften doch nur darum, einen ordentlich in die Pfanne zu hauen. Auch wenn diese Festivitäten meistens friedlich beginnen - meistens freut man sich ja, auch mal die Tanten und Onkel, die am anderen Ende von Deutschland oder der Welt wohnen, wiederzusehen -, enden tun diese Spektakel ganz anders. 

Familie ist ein seltsames Konstrukt vollkommen verschiedener Menschen, die außer ein paar Erbinformationen nichts miteinander teilen. Und jedesmal, wenn man wieder dem Irrglauben "Blut ist dicker als Wasser" erlegen ist, darf man feststellen, daß man mit diesen Leuten im Grunde nichts Wesentliches zu besprechen hat (gut, es gibt auch Ausnahmen wie meinen Papa). Im Grunde sind es Fremde, die außer besagten Genen keinen Anteil an dir haben. Nach dem üblichen small talk und der unvermeidbaren gemeinsamen Mahlzeit macht sich Sprachlosigkeit breit, die alle Beteiligten unter enormen Streß setzt. Man ist ja zum Fest der Liebe zusammengekommen und wen, wenn nicht die Verwandtschaft, muß man lieben? Ergo muß man auch miteinander reden können. Nur über was? 

Krampfhaft wird nach einem Thema gesucht, über das man sprechen könnte und oftmals gerät die zähe Unterhaltung ins Stocken, weil man sich eben nichts zu sagen hat und nichts von dem anderen weiß. Und das Wenige, das man weiß, liegt ohnehin jenseits des eigenen Horizonts und bietet allenfalls Angriffsfläche. Die Stimmung wird bei der schwerfälligen Suche nach einem Gesprächsthema deutlich schlechter und irgendwann ist man an einem Punkt angelangt, wo man enttäuscht vom Verlauf des Feier und der Verständnislosigkeit der Verwandtschaft immer angriffslustiger und der Ton immer schärfer wird. Irgendwann bricht dann der Krieg los - spätestens eine Stunde nach dem Nachmittagskaffee. Und oft endeten die Schlachten im großmütterlichen Salon damit, daß irgendeine Partei den Rückzug antrat und vor dem Ende des Familienfestes heulend nach Hause fuhr. Ach, wie besinnlich war das damals doch!

Irgendwann hatte ich die Nase voll und habe mich diesem Wahnsinn entzogen. Leider habe ich es nicht wirklich geschafft, denn ebenso wenig wie man das Auftauchen von Sachmets Dämonen verhindern kann, kann man der Familie entkommen - sei es die eigene oder die angeheiratete. Angehörige sind keine Freunde, Punktum. Der größte Unterschied liegt, wie ich vor einigen Tagen wieder feststellen durfte, darin, daß, auch wenn meine Freunde meine Macken nicht nachvollziehen können, sie diese ohne wenn und aber tolerieren und darauf Rücksicht nehmen. Und vor allem kann ich mit ihnen über das sprechen, was mich bewegt, ohne Gefahr zu laufen als geisteskranke Idiotin abgestempelt zu werden. Die Familie tut das nicht - ganz im Gegenteil. Und ich bin immer noch extrem sauer auf meine Schwiegermutter. Die hat jetzt einfach einen Punkt überschritten, wo bei mir der Ofen aus ist und in nächster Zeit auch nicht wieder angeheizt wird.

Bei der Familie meines GGs ist es nämlich leider Sitte, zu Weihnachten ein Kaninchen zu verspeisen. Für mich, die ich mit diesen Tierchen aufgewachsen bin und selbst welche halte, ist das ebenso abartig und pervers wie es für meine Schwiegermutter wäre, würde man eines ihrer Enkelkinder schlachten und ihr als Braten vorsetzen. Ich fühle mich jedesmal in einen Horrorfilm versetzt, wenn ich dem Massaker zusehen muß. Abgesehen davon, daß mir speiübel wird und ich auf Kommando losheulen und auf den Tisch kotzen könnte, steigen Haß und Abscheu in mir hoch und der Wunsch, diesen Leuten, die ich ja eigentlich mag und zu denen auch mein Mann gehört, mit einer scharfen Axt die Köpfe einzuschlagen. Na gut, vielleicht bin ich doch eine geisteskranke Irre...

Aber es ist für mich so furchtbar, zuzusehen, wie diese Tierchen, die ich so liebe - und ich sehe immer das Lebewesen vor mir, wenn der Braten serviert wird - in einer Art Zombieapokalypse zerfleischt werden. Ekel, nichts als Ekel und Wut empfinde ich dabei! 
Gott sei Dank fahren wir seit einiger Zeit Weihnachten nicht mehr zu meinen Schwiegereltern, die glücklicherweise weit weg wohnen. Also blieb mir das Gemetzel und der Brechreiz in den letzten Jahren erspart, bis... ja, bis meine Schwiegermutter neulich meinem GG per Telefon angekündigt hat, ihm bei seinem nächsten Besuch (er war beruflich in der Gegend) ein Kaninchen mitzugeben, das ich dann zubereiten solle.
Mein erster Gedanke war: hat die bekloppte Alte den A... offen?

Das Einzige, was ich mit toten Kaninchen mache, ist, die armen Tiere im Garten zu beerdigen, aber bestimmt nicht kochen oder braten!
Ich rede mir seit Jahren den Mund fusselig und engagiere mich dafür, daß keine Kaninchen aus Masthaltung mehr in Supermärkten landen, hatte selbst Pflegekaninchen und seit meiner Kindheit eigene und dann das!
Daß ich in die Luft gegangen bin, brauche ich wohl nicht zu erwähnen oder?

Aber dieser Vorfall hat mich nur wieder darin bestärkt, daß man sich seine Freunde genau aussuchen und dabei besser nicht auf Familienangehörige zurückgreifen sollte, die nicht freundlich mit einem umgehen. Ich weiß, daß meine Schwiegereltern uns schon häufig unter die Arme gegriffen haben, und bin ihnen auch sehr dankbar für ihre Unterstützung, aber diese Rücksichtslosigkeit nehme ich meiner Schwiegermutter wirklich krumm und daß sich mein GG dabei auf die Seite seiner Mutter schlägt, tut weh. Ich bin ansonsten ein ziemlich pflegeleichter Vegetarier und versuche nicht, meine Leichen verzehrende Umwelt auf den Tofutrip zu bringen, aber bei Kaninchenbraten ist Sense. 
Glücklicherweise ist meinem Mann dann doch die Erkenntnis gedämmert, daß es ein Unglück geben könnte, wenn er die Kaninchenleiche mit nach Hause brächte. Obwohl er's wahrscheinlich nicht nachvollziehen kann, wieso ich deshalb so ausgerastet bin, hat er mir immerhin diesen grausigen Anblick erspart. Aber sauer bin ich immer noch!

Nun ja, es sind eben die letzten Tage des Jahres angebrochen und die Dämonen werden immer stärker und energischer!  Lasst die giftigen Miasmen und die bösartigen Boten der Sachmet nicht in euer Haus dringen und feiert ein glückliches Neujahr!

Montag, 18. November 2013

Skillet live in Köln

Am gestrigen Abend begleitete ich das Töchti zum Konzert von Skillet im Bürgerhaus Stollwerck in Köln. Ist zwar nicht meine Musik, aber was nimmt man als Mama nicht alles auf sich, um dem Kind einen langgehegten Wunsch zu erfüllen?
Ein wenig Verwirrung gab es wegen der Uhrzeit, zu der das Konzert beginnen sollte. Offiziell sollte das Spektakel um 20 Uhr (Einlaß 19 Uhr) beginnen, auf der HP des Bürgerhauses war 21 Uhr angegeben. Ein Anruf bestätigte uns den späteren Beginn. Nur wussten die Bands offensichtlich nichts davon, daß das Konzert um eine Stunde verschoben worden war...und ein Teil der Besucher auch nicht...
Naja, wir haben nur die erste Hälfte des Auftritts der nervigen Vorgruppe verpasst, die einfach die Bühne nicht räumen mochten und das "NEIN!" auf ihre zigmal wiederholte Frage, ob sie noch einen Song spielen sollten, nicht verstehen wollten.


Nach einem etwas länger währenden Umbau mit noch längerem Soundcheck betrat dann endlich Skillet die Bühne und das Kind flippte aus.
Wir standen oben auf einer der Emporen und hatten einen Superblick auf die Bühne und die Schweißtropfen, die John Cooper, dem Frontman von Skillet, aus den Haaren spritzten, und auf sein Robert-Smithoeskes Augen-Make up. 
Gut, ich gebe zu, ich bin kein Fan von Skillet und für mich hört sich ein Lied von denen an wie das andere, aber die Stimmung und die Atmosphäre auf dem Konzert waren toll, beinahe schon familiär zu nennen, besonders die Interaktion zwischen Cooper und seinen Fans.


Mein Mädchen war hin und weg und hüpfte die ganze Zeit wie ein Flummi auf und ab, gröhlte sang jeden Song mit und schlug mir nicht nur einmal die Kamera aus der Hand. Die ganze Empore bebte. Töchti war ja nicht die Einzige, die so abging.

 Mr. und Mrs. Cooper
Nein, bei dem blonden Wesen handelt es sich nicht um Farin Urlaub!

Bis zum gestrigen Konzert konnte ich mir nicht so recht vorstellen, was ich unter einer christlichen Rockband zu verstehen habe. "Christlicher Rock", "Alternative Metal" und "Nu Metal" sind die Genres, denen Skillet zugeordnet wird. Christlich und Rock oder Metal passen imho nicht wirklich zusammen, aber naja... Einige Male hatte ich das Eindruck, bei der Sonntagspredigt in der Kirche gelandet zu sein anstatt in einem Rock-Metal-wasweißich-Konzert. Dieses missionarische Geschwafel hätte sich Mr. Cooper m. E. sparen können und lieber ein paar Songs mehr spielen sollen.


Abgesehen davon rockte der Kerl wirklich die Show und riß sein Publikum mit. Einen kurzen Eindruck davon kann ich euch vielleicht mit diesem Video vermitteln.
Achtung, der Ton ist wirklich mies, der Krach war zuviel für unsere alte Kamera ;)


Töchti war begeistert. Leider fiel die Zugabe ziemlich mau aus und das Konzert war daher schneller vorbei, als wir gedacht haben. 

Ein Skilletfan bin ich gestern nicht geworden, aber so schlimm, daß sich mir jetzt die Fußnägel hochrollen, ist die Mucke nun auch nicht. Man kann sie sich durchaus anhören, muß ich zugeben. Und ein Band-T-Shirt gab's auch noch für's Kind :)

Freitag, 15. November 2013

Pikes - alt vs. neu

Auch wenn es mir schwerfällt, es zuzugeben, schneiden meine alten geliebten Pikes im Vergleich zu den neuen schlecht ab. Ich habe das gleiche Modell genommen, aus Veloursleder mit sechs Schnallen, aber die neuen unterscheiden sich qualitativ enorm von den 80er Jahre-Boots.

 hinten: neu - vorn: alt

Hersteller/Händler: 
neu: Headrazor100 (Ebay-Shop/Berlin) - alt: Underground (nicht sicher/Köln)

Kaufdatum:
2013 - 1985

Kaufpreis:
neu: 120 Euro - alt: 150 DM

Größe:
neu: 42 - alt: 41

Obermaterial:
echtes Veloursleder

Futter:
neu: Leder - alt: keins vorhanden

Absatzhöhe:
neu: 2,5 cm - alt: 7 mm 
(an einer nicht abgelaufenen Stelle gemessen)

Sohlendicke:
neu: 9 mm - alt: ca. 4 mm
(an einer nicht abgelaufenen Stelle gemessen)

Das Schnittmuster (oder wie auch immer der entsprechende Fachbegriff dafür lautet) ist dasselbe, der Schaft der neuen Pikes jedoch ein wenig höher und besitzt eine sorgfältig mit dem Futter vernähte Kante. Bei beiden ist die Ferse verstärkt, die Absätze und Sohlen der neuen, wie man auf dem Foto unten erkennen kann, wesentlich dicker. Außerdem stehen die Sohlen leicht über, was insbesondere die Schuhspitze vor'm Anstoßen schützt. Ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, hat aber auch Vorteile.


Der auffälligste Unterschied liegt jedoch in der Farbe des Reißverschlusses: bei meinen alten ist er schwarz, hier silbern. Aber auch was die inneren Werte angeht, unterscheiden sich die alten von den neuen Pikes. Hier bieten die neuen einfach die hochwertigere Verarbeitung: sie sind gefüttert und mit einer weichen Innensohle versehen. Dadurch ist der Tragekomfort höher. Ja, ich bin in einem Alter, in dem man auf so etwas Wert legt :D
Die Riemen sind ebenfalls verstärkt, bei denen von meinen alten handelt es sich nur um fisselige, dünne Lederstreifen.


Die Form ist die gleiche, aber die Aufsicht ergibt ein leicht unterschiedliches Bild. Dadurch, daß der Schaft bei den neuen Pikes (re) höher ist, sind auch die Riemen und Schnallen höher angebracht und der Reißverschluß sichtbarer.


Fazit: trotz geringer optischer Unterschiede eine in meinen Augen absolut gelungene Kopie bzw. verbesserte Version meiner 80er Jahre-Pikes. Mein jahrelanges Suchen danach hat endlich ein glückliches Ende gefunden.

Donnerstag, 14. November 2013

Alltagsproblemchen eines Junggruftis

Das Kind und seine Schulkameraden mal wieder...

Es ist schon interessant mitzuerleben, daß meine Tochter beinahe das Gleiche in der Schule erlebt wie ich damals. Ein außergewöhnliches Äußeres polarisiert einfach und wird als Kampfansage verstanden: "Ich bin nicht so wie ihr und will nichts mit euch zu tun haben!" Die Gefahr ist dabei ziemlich groß, zur Zielscheibe des allgemeinen Spotts zu werden und zum Lästerobjekt Nr. 1 der totally hippen Girlies, die in der Schule den Ton angeben, und deren farblosen Mitläufern. Es ist doch einfacher, über Dinge, die man nicht versteht oder verstehen will, oder Menschen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen möchte, das Maul zu zerreißen. Davon kann sich eigentlich niemand freisprechen. Was das angeht, halten wir's am besten mit den Ärzten und lassen die Leute reden. Gleiches Recht für alle: wir ratschen ja auch über die Stinos :D

Ärgerlicher wird es nur, wenn Gerüchte in die Welt gesetzt und Lügen verbreitet werden, um jemanden in Misskredit zu bringen. Der ehemals beste Kumpel meiner Tochter z.B. hat sich von jetzt auf gleich und aus für sie unerfindlichen Gründen dazu entschlossen, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen und den hippen Typen nachzulaufen, die nichts in der Birne haben, aber dafür jede Menge teurer Markenklamotten besitzen. Es ist schon bemitleidenswert, wie sehr er um die Aufmerksamkeit seiner ach, so coolen Klassenkameraden heischt. Denn eigentlich ist er, um es mal im heutigen Jugendjargon auszudrücken, das totale Opfer. Es ist kein Wunder, daß er bislang mit meiner Tochter befreundet war, denn Außenseiter schließen sich häufig zusammen, um im Klassenverband wenigstens nicht ganz allein dazustehen. Jetzt redet er aber den Hohlköpfen nach dem Mund und versucht alles, um von ihnen anerkannt zu werden, indem er dem im Grunde harmlosen Geläster noch einen draufsetzt. Er erzählt u.a., daß ich ihn nicht ausstehen könne, weil er kein Goth sei. Ich weiß ja nicht,  ob er an grandioser Selbstüberschätzung leidet und sich zu wichtig nimmt, oder, was wahrscheinlicher ist, gar kein Selbstbewusstsein besitzt, um so einen Unsinn zu behaupten. Sich auf Kosten anderer aufspielen zu müssen, spricht eigentlich für Letzteres. 
Aber ganz ehrlich: was kümmert mich der Inhalt seines Kleiderschranks? Meinetwegen kann der Kerl im rosa Tutu und lila Glitzerschuhen zur Schule kommen! 

Damit, daß ich ihn nicht mag, liegt er jedoch gar nicht so falsch. Daß dieser bösartige Giftzwerg meine Tochter via Facebook und Skype neuerdings angeht und bedroht, nehme ich ihm wirklich übel. Und falls seine Eltern oder er mir mal über den Weg laufen sollten, dann gnade ihm Goth!
Meine Tochter hingegen nimmt die Geschichte anscheinend etwas gelassener als ich - ich bin halt 'ne Mama und das Wohlergehen meiner Kinder liegt mir am Herzen. Daher tangiert mich diese Geschichte wohl mehr als Töchti.
Sie hat einfach kurzen Prozeß gemacht und ihren Ex-Kumpel auf FB und Skype blockiert. Ihn auch in der Schule zu ignorieren, gestaltet sich ein wenig schwieriger. Er hat wohl bemerkt, daß die angesagten Typen nicht wirklich etwas mit ihm zu tun haben wollen, und dackelt nun wieder meiner Tochter und ihren Freundinnen hinterher, mischt sich in Mädchengespräche ein (das kommt natürlich suuuuuper an!) und schreibt meiner Tochter (die beiden sitzen am selben Tisch) Zettelchen. Sie antwortet jedoch auf nichts und behandelt ihn so, als sei er gar nicht vorhanden. Das macht ihn sauer und aggressiv. Und noch viel wütender macht ihn, daß sein Zorn an meiner Tochter abprallt...

Im Gegensatz dazu sind einige Klassenkameraden auf meine Tochter zu- und mit ihr ins Gespräch gekommen. Sie wollten wissen, was es mit ihrer schwarzen Kleidung auf sich hat und wie man ein Goth wird (hä?). Ein paar Mädchen haben sogar vor, mit ihr zum Bummeln in die Stadt zu fahren, sie würden ein paar Läden kennen, wo's tolle schwarze Klamotten gäbe.  Töchti hat versucht, ihnen zu erklären, daß es ihr nicht nur um's Styling gehe, aber nun ja, diese Halbwüchsigen sind nun einmal in einem Alter, in dem viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt wird, welche Kleidung jemand trägt und welches Label. Immerhin dämmert es einigen doch wohl, daß es im Leben nicht nur darauf ankommt.

Ein wenig perplex war ich jedoch ob der Frage, wie man ein Goth wird. Die Frage nach den Gründen, dem Warum hätte ich logischer und interessanter gefunden. Aber das interessiert nicht. Hat man damals unseren offen zur Schau getragenen Nonkonformismus als eine Art Geisteskrankheit angesehen, die von in der Pubertät überschießenden Hormonen ausgelöst wurde (hey, wir Altgruftis können dann wohl bald mit der Ausrede Hormonstörung aufgrund der Wechseljahre kommen!), sieht man heute darin wohl eher eine Art Geschmacksverirrung und Modesünde. Befürchteten unsere Eltern, wir wären in die Fänge einer satanistischen Vereinigung geraten und würden als Menschenopfer auf den Altären irgendeiner Teufelssekte landen, entsetzt es die Erzeuger von Töchtis Schulkameraden eher, daß man keine Klamotten von Hollister, Esprit & Co trägt und sich die Haare nicht blondiert. It's all about style! 

Mittwoch, 13. November 2013

Die Pikes von Headrazor sind da!

Heute war es endlich so weit! 
Nach gut zwei Wochen ungeduldigen Wartens klingelte es heute Mittag an der Tür und der GLS-Mensch, den meine euphorische Begrüßung wohl ziemlich verschreckte, überreichte mir das Paket, auf das ich so sehnsüchtig gewartet hatte.
Darin befand sich das schönste Paar Pikes, das ich jemals gesehen habe, und ich konnte mir das ein oder andere Freudentränchen nicht verkneifen, als ich die Schuhe endlich in den Händen hielt. Sie waren übrigens ausgesprochen sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen und kamen in einem stabilen Paket hier an, das zusätzlich mit Klarsichtfolie als Nässeschutz umhüllt war.

Die Pikes sind aus Veloursleder gefertigt, samtig und pechrabenschwarz, und gleichen meinen alten aus den 80ern bis auf wenige Details. Wenn's euch interessiert, schiebe ich morgen einmal einen Vergleich zwischen meinen alten und den neuen nach. So viel sei schon einmal verraten: die neuen sind wesentlich besser verarbeitet und machen einen qualitativ hochwertigeren Eindruck als die 80er-Boots. Ich habe Schuhgröße 42 bestellt, da meine reguläre Schuhgröße zwischen 41 und 42 schwankt. Die Pikes passen haargenau und sind superbequem.

Gekostet haben sie 120 Euro plus 4,90 Euro Fracht und ich bereue keinen einzigen Cent dieser Summe. Allen, die immer noch auf der Suche nach schönen Pikes sind, kann ich deshalb den Ebayshop von Headrazor100 nur empfehlen. Auch wenn ich immer noch glaube, daß die Pikes aus der Schmiede von Retroshu/The Winklepickerstore stammen...
Falls sich diese Vermutung als Tatsache erweisen sollte, ist es für mich um so unverständlicher, daß die Inhaber des Ladens ihre Kunden mit ihrer kaum vorhandenen Kommunikationsbereitschaft vor den Kopf stoßen. Denn die Schuhe, die ich bekommen habe, sind wirklich toll!

Der Kundenservice von Headrazor jedoch spricht für sich. Jede Email von mir wurde geduldig beantwortet, kalkuliert nur ein wenig mehr Wartezeit ein als angegeben - die Geschichte könnt ihr hier und da nachlesen. Und nein, ich bekomme mein nächstes Paar Pikes nicht umsonst, weil ich hier quasi Werbung für den Laden mache. Ich bin einfach nur glücklich mit meinem Neuerwerb!
Und den möchte ich euch nun zeigen. Die Fotos sind mit Blitz aufgenommen, daher wirkt die Oberfläche des Veloursleders sehr unruhig. Teilweise sind die Fotos etwas überbelichtet. Damit lassen sich jedoch Details, die Nähte z.B., besser erkennen.




Nein, die Pikes sind nicht anthrazitfarben, sondern wirklich schwarz!

Dienstag, 12. November 2013

Musik-Tag

Ha, diesen Tag fand ich so amüsant, daß ich unbedingt mitmachen wollte. Außerdem muß ich die Zeit irgendwie totschlagen, bis ich meine neuen Pikes bekomme - falls sie jemals hier eintreffen werden. 
Bei diesem Tag geht es darum, folgende Fragen mit Songtiteln seiner Lieblingsband zu beantworten. Auf geht's!

Pick your Artist: The Cure
Are you male or female? The Perfect Girl (uuuuh!)
Describe yourself! Piggy in the Mirror (morgens nach dem Aufstehen)
How do you feel? Cold (deshalb ziehe ich mir jetzt etwas Warmes an)
Describe where you currently live! Fascination Street 
If you could go anywhere, where would you go? A Forest
Your favourite form of transportation: Jumping Someone Else's Train (na, nicht wirklich)
Your best friend is… Happy the man
You and your best friend(s) are… Siamese Twins
What’s the weather like? Cold (schon wieder)
If your life was a TV show, what would it be called? The Funeral Party
What is life to you? A Short Term Effect
Your last relationship: Just like Heaven
Your fear: Torture
What is the best advice you have to give? Fight
How would you like to die? Schnell und zwar in Seventeen Seconds um 10:15 Saturday Night
Your soul’s present condition: Faith
Your Motto: Play for Today

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Vintage aus der Gruft - Teil 1

Etliche Kisten und Kartons mit Gerümpel, das wir schon längst vergessen haben, stapeln sich noch in unserem Keller und im Schuppen. Es war nicht besonders amüsant, das ganze Zeug zu durchwühlen, aber die Hoffnung, meine verschollenen Pikes wiederzufinden, trieb mich dazu, noch mehr Unordnung in das schon vorhandene Chaos zu bringen. Wie ihr bereits wisst, habe ich nur einen Pike wiederbekommen, den mein liebster Gatte aus einem Sack mit lauter ollen Tretern zog. Alles vollständige Paare, auf die ich gut verzichten könnte, nur der Pike war ganz allein und mein zweites Paar ist ganz weg. Grmpf!

Dafür habe ich aber Einiges an Kleidung und Schmuck entdeckt, das noch aus den 80ern stammt. Meine Fledermausohrringe sind wieder da, ein paar Ringe und anderer Kram aus meiner Teeniezeit, der mir nicht mehr passt, aber noch gut in Schuß ist. Die Teile sind längst wie durch Zauberhand von meinem Kleiderschrank in den meiner Tochter gewandert und, oh Wunder, sie trägt sie auch! Aber meine Fledermäuse für die Ohren bekommt sie nicht, auch wenn sie noch so sehr bittet und bettelt!

Nachdem ich euch nun schon so oft mit meinen ellenlangen Schriebsen gequält habe, denke ich, daß es an der Zeit ist, euch in einer kleinen Fotoserie mal die wenigen Überlebenden zu präsentieren, die noch aus den 80ern stammen, original aus den graveyard years - bis auf die Fledermauskette. Ich besaß früher die gleiche, die ist jedoch nicht wieder aufgetaucht.

Beginnen wir mit dem Schmuck...


Und ein paar Aufnahmen von Lieblingsstücken, die ich immer noch trage.
Unbestrittene Nr. 1 sind natürlich die berüchtigten Fledermausohrringe:


Und die Fledermauskette:


 Und noch ein bißchen dies und das...



Einiges ist leider im Lauf der Zeit verloren gegangen, aber die paar Teile trage ich wirklich gern und oft. Habt ihr auch noch ein paar Stücke aus euren Junggruftitagen in euren Schatullen, an denen euer nostalgisches Herz hängt?

Dienstag, 29. Oktober 2013

Ist heute Vollmond?

Oder warum kreuzen heute nur Irre meinen Weg?

Ich koche momentan vor Wut, also nehme man mir bitte nicht krumm, falls ich mich hin und wieder einer nicht sonderlich gepflegten Wortwahl bediene.
Der Hauptgrund für meine überaus miese Laune ist derjenige, daß man mich bestohlen hat. Und zwar hat jemand Texte, die ich verfasst habe, unter seinem Namen veröffentlicht. Guttenberg sei Dank sollte eigentlich jedermann wissen, was es mit dem Urheberrecht auf sich hat, was ein Plagiat ist und warum man Zitate als solche zu kennzeichnen und die Quelle anzugeben hat.
Ich habe den betreffenden Menschen also abgemahnt - das darf man sogar als Privatperson (siehe hier!) - und ihm den betreffenden Text in Rechnung gestellt. Es gibt genug Informationen über das Procedere im Internet und Muster für solche Abmahnungen, die man nur noch entsprechend ergänzen muß. Ansonsten siehe auch mal da!

Einen halben Tag später (also heute) erhalte ich etliche, ellenlange Nachrichten auf sämtlichen sozialen Netzwerken, auf denen ich angemeldet bin, und zwar von verschiedenen Bekannten des betreffenden Herrn, der mir wiederum zig Freundschaftsanfragen schickt. WTF???
Ich werde in teilweise höchst befremdlichen Ton angesprochen - ein Jungspund, dessen Mutter ich sein könnte, benutzte in seiner PN an mich die Anrede "Hallo junge Dame!" und auch ansonsten ließ der Wortlaut zu wünschen übrig, vom Inhalt ganz zu schweigen. Und was die Rechtsauffassung dieser Leute angeht, lässt eben jener tief blicken. Von Rechtsbeugung ist da die Rede, denn man sei mit Anwälten, Richtern und anderen Juristen befreundet, die zugunsten des Klaudiebes den Fall vor Gericht an sich reißen und entscheiden würden. Ja, ne, is' klar!

Es ist nicht das erste Mal, daß ich Texte oder Grafiken, die ich auf meiner HP veröffentlicht habe, auf irgendwelchen anderen Websites im Internet finde. Meistens reicht es, die Klaudiebe auf die Urheberrechtsverletzung hinzuweisen und sie aufzufordern, die entsprechenden Objekte zu entfernen oder meine Wenigkeit und meine HP als Quelle zu nennen. Nur der Typ jetzt wähnt sich im Recht, denn alles, was im Internet herumschwirrt, sei Allgemeingut und deshalb dürfe er sich dessen bedienen. Außerdem ärgert mich ganz besonders, daß er meinen fachlich korrekten, sorgfältig recherchierten Text in sein Machwerk eingebunden hat, das vor sachlichen Fehlern nur so strotzt. Ist ja nicht auszuschließen, daß jemand die entsprechenden Passagen, die von mir stammen, wiedererkennt, und dann glaubt, ich wäre dem Typen beim Verfassen seines Geschreibsels behilflich gewesen und der ganze Unsinn wäre auf meinem Mist gewachsen. Dann könnte ich mich gleich beerdigen lassen!

Folgendes möchte ich klarstellen: ich bin bestimmt nicht auf einen Gerichtsprozeß aus - davon war auch in meinen beiden Emails an den betreffenden Herrn nie die Rede -, aber wenn er Ärger will, bitte! Allerdings werde ich mich nicht mehr mit ihm und seinen Kumpanen herumschlagen, das darf jetzt unsere Anwältin tun. Ich lasse mich nicht bedrohen, ich solle den Kerl und sein Werk in Ruhe lassen. Liebe Leute, ihr schüttelt doch einem Dieb, der euer Auto klaut, auch nicht die Hand und wünscht ihm gute Fahrt! Oder drückt ihr dem Einbrecher, der in euer Haus einsteigt, freiwillig die Schmuckschatulle in den Arm?

Dann ruft mich heute ein sog. "Dr. Schick von der Internetagentur Poppel" (oder so) an, ich hätte Post von ihm bekommen blablabla. Nö, habe ich nicht.
Und beim Googlen der Telefonnummer und des Namens dieses ominösen Vereins wurde ich schnell fündig. Das sind irgendwelche Spaßvögel (hier bitte ein ironisches Grinsen einfügen), die sich einen Jux daraus machen, Leute zu terrorisieren. Es ging darum, daß unser Haus angeblich fotografiert werden solle und irgendwann irgendwelche Leute vorbeikämen. Daraufhin habe ich dem Typen gleich mal mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch gedroht. Prompt wurde aufgelegt. Mit mir ist heute nicht gut Kirschen essen.

Eben stand ich an der Kasse im hiesigen Drogeriemarkt, da drängelte sich eine Mutti mit Kinderwagen, den sie wie einen Panzer durch die Schlange schob, einfach vor. Sie habe es eilig, es würde regnen und sie müsse den Bus kriegen. Draußen strahlte die Sonne vom Himmel und als wir eine Viertelstunde später am Busbahnhof vorbeigingen, stand die Ollsche immer noch da und wartete. Da ich heute schon nach den zahlreichen  Erlebnissen mit diesen Spacken im Internet und realen Leben die Nase voll hatte und die Aussicht auf eine Riesentafel Knisterschokolade mich besänftigte, kam sie ungeschoren davon. Normalerweise lasse ich mir das nicht gefallen.

Heute abend werde ich Rocky IV gucken. Mir ist heute nach Klopperei und blutigem Gemetzel. Außerdem ist niemand so ekelig eiskalt wie Ivan Drago, wenn er ausdruckslos den Tod Apollo Creeds feststellt: "Wenn errr tottt ist, ist errr tottt!" Ja, ich bin heute aggro *grrrrrr*

Kleine Updates: Pikes von Headrazor100

Update 28.10.2013: Ich hab's getan, ich hab' die Pikes in Wildleder bestellt, die meinen alten so ähneln.
Ich hoffe nun, daß sie passen, daß die Qualität stimmt etc. Ich werde berichten!

Update 29.10.2013: Die Kommunikation zwischen Headrazor100 und mir läuft reibungslos. Sehr netter Kontakt! Meine Emails wurden bislang stets beantwortet (abends). Man ist freundlich und bemüht, mir als Kundin entgegen- und die richtige Schuhgröße zukommen zu lassen. 

Und meine Ungeduld, die Pikes endlich in den Händen zu halten und an mein schwarzes Herz drücken zu können, wächst!

Update 04.11.2013: Diese Woche müssten die Pikes eigentlich bei mir eintrudeln. Angegeben ist eine Lieferzeit von 1 - 2 Wochen und eine Woche ist bereits um.

Update 05.11.2013: Neues Email von Headrazor sorgte für eine kleine Eintrübung meiner euphorischen Stimmung und der Erwartung, die Pikes bald zu erhalten. Lt. Artikelbeschreibung seien die Schuhe ab Lager lieferbar, sind sie aber wohl doch nicht. Sie werden in England hergestellt und anscheinend erst bei Bestellung in Auftrag gegeben. Nachtigall, ick hör' dir trapsen! Wenn da mal nicht der Schuhmacher dahintersteckt, den ich im Visier habe...
Man versicherte mir allerdings, daß man die Lieferung aus England noch diese Worte erwarte und dann sofort mit GLS an mich weiterleiten wolle.  Ihr dürft  auf die Fortsetzung des Abenteuers gespannt sein!
Wenn jedoch tatsächlich Retroshu der Hersteller der Pikes ist (ich habe eben einfach mal danach gefragt), dann kann es sein, daß ich noch länger darauf warten muß :(

Update 05.11.2013 - die Zweite: Mein Email wurde prompt beantwortet. Wir kommunizieren jetzt in Englisch, da es meinem Kontakt schwer fällt, sich verständlich in Deutsch auszudrücken. So schlecht, wie sie meint, ist ihr Deutsch jedoch nicht ;) Anscheinend liegen die Pikes in England zum Abruf bereit. Sie müssen also nur noch über den Kanal via Berlin zum Kunden kommen.  So weit, so gut. Der Hinweis "Ab Lager lieferbar" impliziert jedoch, daß Headrazor die Schuhe bereits auf Lager hat und zwar in Berlin, wo die Firma auch ansässig ist, und daher unmittelbar nach Zahlungseingang verschicken kann. Immerhin wurde ich nun darüber aufgeklärt.

Update 12.11.2013: Mag ja sein, daß ich zu ungeduldig bin, aber zwei Wochen sind verstrichen und die angekündigte Lieferzeit von ein bis zwei Wochen überschritten. Jeder, der in England schon einmal bestellt hat, weiß, daß Ware aus UK oft länger als ein bis zwei Wochen braucht. Die Einschätzung von Headrazor war wohl ein wenig zu optimistisch. Naja, ich habe damit ja irgendwie gerechnet, nachdem mir mitgeteilt wurde, daß sich die Pikes noch in England befinden. Trotzdem bin ich a weng knurrig, wurden doch in der Artikelbeschreibung falsche Erwartungen geweckt. Ach ja, und meine Frage, ob Retroshu der Hersteller der Pikes sei, blieb unbeantwortet...

Zweites Update 12.11.2013: Kaum nöle ich hier herum, bekomme ich die Nachricht, daß sich die Pikes auf dem Weg zu mir befinden! HURRA! :-D

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Pikes von Headrazor100 bei Ebay

Wie es meiner Gewohnheit entspricht, durchsuchte ich gerade einmal wieder Ebay auf der Suche nach Pikes. Vor genau fünf Minuten stolperte ich über dieses Angebot: Pikes mit sechs Schnallen

Mein Herz setzte einen Moment aus, denn die Dinger, die meinen alten Pikes ähneln, gibt es auch in Wildleder. Allerdings scheinen sie mir nicht besonders spitz zu sein. Kann aber auch täuschen.
Beim Sichten des Angebots des Headrazor100-Shops keimte der Verdacht in mir, daß der Laden die Winklepickers von Retroshu/The Winklepickerstore (ist nach meinen Recherchen derselbe Inhaber) vertickt.
Hmm, nun gut, wenn die Schuhe eine angemessene Qualität besitzen, dann würde ich auch 120 Euro dafür locker machen. Direkt bei Retroshu zu bestellen, ist zwar erheblich günstiger, aber auch riskanter, denn wenn man seine Ware erhält (wenn!!!), dann nur mit erheblicher Verspätung. Auf Emails reagieren die Retroshuler nicht und auf Telefonanrufe erst recht nicht...

Der Headrazorshop sitzt übrigens in Berlin und hat bislang ziemlich viele gute Bewertungen erhalten. Ich ringe mit mir und versuche den Grufti im Ohr, der "ICH WILL DIESE PIKES!" schreit, zu überhören.

Hat einer von euch vielleicht schon Erfahrungen mit den Schuhen von diesem Händler und kann mir darüber berichten?

Montag, 7. Oktober 2013

Bat caves: Expedition Fledermaus - Teil 1

Zu des Gruftis Lieblingsgetier zählt ja bekanntlich die Fledermaus.
Auch mich faszinieren die Tierchen schon seit meiner Kindheit, habe ich doch das Glück, am Rande des Naturparks Siebengebirge zu leben mit einem der bedeutendsten Microchiroptera-Überwinterungsquartiere im südlichen NRW bzw. nördlichen Rheinland-Pfalz.

Die nachtaktiven Flattermänner und -weiber gehören leider zu den stark bedrohten Tierarten. Von den ca. 900 weltweit bekannten Fledermausarten können aktuell wohl 25 in Deutschland nachgewiesen werden, einige sind bereits ausgestorben, einige vom Aussterben bedroht.  Zwar soll sich der heimische Bestand seit den 70er Jahren (nach dem Verbot des Pflanzenschutzmittels DDT) wieder deutlich erholt haben, die intensive Land- und Forstwirtschaft, der Abriß alter Gebäude und insbesondere die moderne Bauweise mit hermetischer Isolierung und der damit einhergehende Verlust ihrer Schlafquartiere schränken die Lebensräume der fliegenden Säuger immer weiter ein. Auch in unserem Dorf mussten alte Streuobstwiesen Reihenhäusern mit Handtuchgärten und dicht an dicht errichteten Einfamilienklötzen weichen. Umflatterten früher noch ganze Fledermausschwärme die Kirchturmspitze, kann man heute froh sein, wenn man noch ein einziges Fledertier zu Gesicht bekommt - so mein subjektiver Eindruck jedenfalls.


Daher freute es mich besonders, als sich die Hinweise verdichteten, daß ein paar Fledermuttis unser Haus - genauer gesagt einen Rolladenkasten - als Wochenstube und Kindergarten für ihre Jungen auserkoren haben. Auch auf unserem Dachboden scheinen nicht nur Vögel und Hornissen Unterschlupf zu suchen, die nächtlichen Aktivitäten deuten auf Fledermäuse hin, zumal unser Dachboden ein Luxushotel erster Güte für die Tierchen sein müsste. Unser Haus ist nämlich ca. 250 Jahre alt und der Dachboden - bis auf einen Anbau aus den 60er Jahren - im ursprünglichen Zustand: dunkel, grob behauene Holzbalken, gleichmäßige Temperaturen und viele Einflug- und Schlupflöcher. Auch die Jahres- bzw. Tageszeiten, zu denen wir dieses mysteriöse Gekraspel und Getrippel, Piepsen und Quieken - die Sozialrufe von Fledermäusen sind für Menschen hörbar, vor allem, wenn die Jungtiere nach ihren Mamas rufen - vom Dachboden bzw. im Rolladenkasten vernahmen, stimmen mit dem Fledermausjahr überein: 
Januar bis ca. März/April: Winterschlaf
Frühjahr: Eisprung, Befruchtung der Eizelle nach im Herbst erfolgter Paarung. Die Weibchen verlassen das Winterquartier und bilden Kolonien, die sog. Wochenstuben, um nach einer Tragzeit von 45 bis 70 Tagen gemeinsam ihre Jungen zu gebären und großzuziehen.
Juni/Juli: Geburt der Jungen
August/September: Nach fünf bis sechs Wochen sind die Babies von ihren Müttern entwöhnt und werden flügge. Die Wochenstubenverbände werden aufgelöst, die Paarungszeit beginnt und die Fledermäuse treffen in ihren Paarungsquartieren zusammen.
Oktober: Abwanderung in die Winterquartiere, Winterschlaf

Nun wollten wir einmal nachsehen, wo unsere geflügelten Sommergäste den Winter verbringen. Also machten wir uns auf zu den Ofenkaulen.



Der Ofenkaulberg liegt rechts der L331, die von Königswinter über die Margarethenhöhe nach Ittenbach führt. Der Name rührt von den Ofenkaulen (Kaule = Kuhle) her, ein weitverzweigtes Stollensystem, wo seit dem Mittelalter Trachyttuff abgebaut wurde. Bei Trachyttuff handelt es sich um ein weiches Gestein (=verfestigte Schlacken als Auswurfprodukte von Vulkanen. Das Siebengebirge stellt im Grunde die Ruine eines einzigen Aschekegels eines riesigen Vulkanes dar.) mit hervorragenden wärmespeichernden Eigenschaften, das zum Backofenbau verwendet wurde. Insbesondere im 19. Jahrhundert erreichte der Tuffabbau in den Ofenkaulen mit der Erfindung des "Königswinterer Ofens" (eine spezielle Form des Backofens) seinen Höhepunkt.  Relikte dieser Bergwerke, die sich über mehrere Ebenen auf angeblich 100.000 qm erstrecken, sind heute noch zu sehen. Besuchen kann man die Stollen und Schächte jedoch nicht. Etliche sind bereits eingestürzt, bei unbefugtem Eindringen besteht Lebensgefahr! Die Zugänge liegen verborgen und abseits der bekannten Wanderwege. Sie sind in den 80er Jahren zubetoniert oder mit schweren Platten und Toren (die jedoch von irgendwelchen Vandalen immer wieder gerne aufgebrochen werden) verrammelt worden. Nur für die Fledermäuse, die dort überwintern, sind Einflugschlitze angebracht. Einige davon haben wir uns am Sonntag angesehen.


Der sog. Aerostahlstollen oder Drachenmaul
Eingang Nr. 38 


Einflugschlitze für Fledermäuse


Mal hineingespäht und geknipst:




Wir folgten dem kleinen Pfad, der offensichtlich fleißig von Mountainbikefahrern genutzt wird, Richtung Norden, um in einer kleinen Schlucht Eingang Nr. 33 zu entdecken. Einige Treppenstufen führten hinab.

Eingang 33 von oben

Ein loser, von der Decke hängender Felsen, der aussah, als würde er bei dem kleinsten Windhauch herabstürzen, verdarb uns jedoch die Lust, uns diese Kaule näher anzuschauen.

Eingang 33 mit Fledermausschlitz

Weiter ging's zum kalten Heinrich, Eingang Nr. 31, der den offiziellen Namen Theodor Rings trägt. Im Volksmund nennt man ihn "Kalter Heinrich", weil aus den Stollen ein starker, eisiger Luftzug strömt, den man noch in einiger Entfernung vom Stolleneingang wahrnehmen kann. Auch hier befinden sich wieder Einflugschlitze für Fledertiere. Leider war es recht duster im Wald, so daß die Fotos allesamt ziemlich verwackelt sind. Wir waren aber bestimmt nicht das letzte Mal an den Ofenkaulen!



Weitere Links zu den Ofenkaulen: 

Fortsetzung folgt...

Montag, 9. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 2

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Auch die ältere Schwester meiner Mutter hatte ganz besondere Pläne für mich, die ebenfalls mit pastellfarbenen Klamotten zu tun hatten.  Deshalb bekam ich zu Weihnachten einen himmelblauen Strickpullover von ihr, den ich natürlich sofort anprobieren mußte. Alles andere wäre ja undankbar gewesen.
Die ganze Verwandtschaft - und ich habe eine riesengroße - verfiel in kollektives Entzücken. Wie gut mir diese Farbe doch stehen würde, ich sähe ganz anders aus, viel frischer, nicht so tot, blablabla...
Daß mir der blöde Pulli zwei Nummern zu klein war, bemerkte keiner.

Angesteckt von dieser Entschwarzifizierungswelle kamen meine Eltern auch einmal auf den Trichter, mir eine weiße Kunstlederjacke und himbeerfarbene Schuhe mitzubringen, deren Form mich irgendwie an die Füße Donald Ducks erinnerten...nachdem eine Straßenwalze drübergerollert war. Die Treter wären besser für meine Füße, meinten sie, als die spitzen Dinger mit dem Haufen Schnallen. Pah!!!
Der erwartete Glückstaumel meinerseits blieb aus und ein jubelndes "Toll! Danke, ihr seid die besten Eltern der Welt!" ebenso. Ich war und bin keine Meisterin der Diplomatie und auch Notlügen kommen mir selten über meine Lippen. Daß ich alles andere als begeistert von den elterlichen Mitbringseln war, hat man mir wohl angesehen und die Frage "Was soll ich mit dem Kram?" brachte meine Eltern erst recht auf die Palme. Mir wurde Undank vorgeworfen und daß ich immer nur fordern würde - Hä? Habe ich etwa nach rosaroten Schuhen gefragt? - und dann kam der altbewährte Spruch mit den Füßen und dem Tisch.
Naja, irgendwann resignierten meine Eltern und meine Mutter half mir letztendlich sogar beim Nähen und Verzieren selbstentworfener Klamotten. Nur einmal, als ich zur Nagelschere griff, um meinem kindlichen Topfhaarschnitt den richtigen Stand für den ultimativen Robert-Smith-Look zu verpassen, ist meine Mutter ausgerastet. Aber ansonsten meinten sie, daß ich mich in einer schwierigen Phase befände, und schwiegen fortan. Selbst zu meinen diversen Experimenten mit verschiedenen dunkelbunten Haarfarben.

Quelle: http://www.tumblr.com/tagged/winklepickers?before=124
Die große Angst meiner Eltern: das Kind verstümmelt sich!

Also war so weit alles o.k. - das könnte man meinen. Pustekuchen!
Kaum hatte sich die Familie so halbwegs mit ihrem schwarzen Schaf abgefunden - nicht zuletzt deshalb, weil mein heißgeliebter Opa ein Machtwort gesprochen hatte -, starteten meine Mitschüler einen erneuten Versuch, mich aus meiner selbst gewählten Isolation zu reißen. Diesmal nicht mit irgendwelchen glorreichen Vorschlägen zu Kleidung und Frisur, sondern mit einer ganz perfiden Masche: Verständnis und Einfühlungsvermögen!
Nun war ich immer schon ein Einzelgänger gewesen und meine wenigen Freunde konnte man an einer Hand abzählen. Zu der Zeit jedoch war ich ganz allein. Meine beste (und einzige) Freundin war krank geworden und zwar so schwer, daß sie nicht mehr in die Schule zurückkehrte, ein guter Freund war mit seinen Eltern ausgewandert und der andere, eher ein guter Bekannter, hatte sich quasi über Nacht dem Poppertum verschrieben.

Anscheinend hatten meine Klassenkameraden wohl Mitleid mit mir, dem armen, einsamen Geschöpf, und trachteten danach, die finstere Aura der Melancholie, die mich umgab, zu vertreiben.
Sie konnten zwar nicht begreifen, wieso ich nichts mit ihnen zu tun haben wollte, aber sie wollten wenigstens nachvollziehen können, aus welchen Gründen ich das Alleinsein vorzog und wieso ich so anders aussah und warum ich meine Fingernägel schwarz lackierte, obwohl nicht Karneval war. Das bekümmerte besonders meine Namensvetterin, die auch in meine Klasse ging, und sie gierte geradezu danach zu erfahren, wieso mir meine dunklen Fingernägel so gut gefielen, obwohl sie sie so nicht mochte. Und warum Fledermäuse von meinen Ohren herabbaumelten, obwohl das doch so eklige Viecher seien.
Sie hatten allerdings nicht damit gerechnet, daß ich nicht willens war, ihnen Rede und Antwort zu stehen und mich dafür zu rechtfertigen, wer oder wie ich bin. Ich bin ich, take it oder leave it!

Natürlich wäre es schön gewesen, ich hätte damals wenigstens einen Menschen gehabt, dem ich mich hätte anvertrauen können und der meine Zurückgezogenheit und Interessen teilte. So groß war meine Sehnsucht nach Gesellschaft jedoch nicht, daß ich mich dem aus meiner Sicht oberflächlichen Gros meiner Jahrgangsstufe anschloß. Da blieb ich lieber allein.
Nach den Sommerferien änderte sich das jedoch, als ein paar Neuzugänge zu uns stießen und wir in die Oberstufe kamen. Ich war gerade 16 geworden, als ich meine späteren Freunde traf. Zuerst war ich noch ziemlich wortkarg und mißtrauisch, aber bald schon war klar, daß ich endlich ein paar Seelenverwandten begegnet war. Klingt kitschig, aber genauso empfand ich.
Das Dunkel, das immer irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Herzens lauert und mich manchmal und ohne eigentlichen Grund überfällt, das mich mitunter Einsamkeit und Stille suchen läßt, die düstere Seite meines Ichs, die so verstörend auf meine Mitmenschen wirkt(e), konnte ich plötzlich mit diesen Leuten teilen. Und ich brauchte noch nicht einmal ein Wort darüber zu verlieren, sie verstanden mich auch so.

So weit war also alles in trockenen Tüchern, als die Frage aufkam, was man denn nach dem Abi mit seinem Leben anstellen wolle. Meine Berufswahl stand schon seit dem Vorschulalter fest und daran war auch nichts zu rütteln.  Meine Tante meinte jedoch mal wieder, sich einmischen zu müssen und stachelte auch meine Mutter an, daß ich mir doch eine Lehrstelle suchen solle. Und sie hatte auch gleich eine für mich parat: ich sollte Bankkauffrau werden und nicht nur aus dem Grund, weil eine kaufmännische Ausbildung grundsolide und anständig ist, sondern auch, weil ich mich da ordentlich anziehen müsse. Beinahe schon hämisch erklärte sie mir die bankkauffrauliche Kleiderordnung und daß ich bestimmt wunderbar im taubenblauen Kostüm und weißen Blüschen aussehen würde. Ich sei doch so ein hübsches Mädchen, lamentierte sie, wieso ich mich denn so schrecklich zurechtmachen würde?

Weil ich mich in schwarzen Klamotten wohl- und in hellbunten verkleidet fühle? Weil ich mir so gefalle und das für mich die Hauptsache ist und nicht, ob mich andere mögen? Und mir Leute, die sich nur dann mit mir abgeben wollen, wenn ich so herumlaufe wie sie, gestohlen bleiben können?
Meine Antwort blieb meiner Tante jedoch erspart, weil mein Opa wieder dazwischenfunkte. Er hielt nämlich zu mir, mein Opa, und seine väterliche Rüge ließ seine Tochter, meine nervige Spießertante, grummelnd von dannen ziehen.

Die Gute hätte ohnehin nicht begriffen, welche Bedeutung meine Aufmachung für mich hatte und noch immer hat.  Für einen Grufti - man verzeihe mir, wenn ich jetzt verallgemeinere - ist schwarze Kleidung oder der Schmuck, den er trägt, viel mehr als ausschließlich das. Seine Erscheinung ist im Grunde ein nach außen hin zur Schau getragener Teil seines Wesens, die Enthüllung seines inner goth, ein öffentliches Bekenntnis zur Düsternis als Teil seiner Essenz, ein Symbol dafür. Daher ist es auch ein Ding der Unmöglichkeit, einen Grufti zum Normalo zu bekehren. Es wäre Selbstaufgabe.

Samstag, 7. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 1

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Jeder, der nicht dem gängigen Ideal des deutschen Durchschnittsbürgers entspricht, wird sich früher oder später mit dem Vorschlag, der Bitte oder dem Befehl konfrontiert sehen, sich doch bitteschön oder gefälligst "normal" zu kleiden und die Haare entsprechend zu stylen - entweder seitens der Verwandtschaft, der Mitschüler und der Lehrer, seitens der Kollegen oder des Chefs oder aller, die dir irgendwann über den Weg laufen und die ungefragt ihre Meinung zu deinem Aussehen äußern müssen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als meine Mitschüler den Versuch starteten, mich in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Das Ganze hatte nur einen Haken: ich wollte nicht!
Eine unbeirrbare Gesandtschaft der Kongregation pastellfarbener Lacosteshirtträger konnte es dennoch nicht lassen, mich auf den rechten Pfad zurückzuführen und aus der Dunkelheit hin zum Licht!
Wir hatten Sport. Aerobic. Sydne Rome. Eine ältliche Lehrerin in rosa Leg warmers, passendem Stirnband und einem dieser komischen Badeanzüge, die man über hautengen Gymnastikhosen trug. Himmelblaue Turnschuhe und Lackgürtel  mit Glitzersternchen. Ein Alptraum. Horror pur.
Die Jungs dürften Basketball spielen und Hockey, aber wir Mädchen mußten zu den ohrenbetäubenden Klängen einer Jane-Fonda-LP auf der Stelle treten und in spastischen Zuckungen zu den Rhythmen irgendeiner Disko-Pop-Tralala-Schnulze herumhampeln. Machte irrsinnigen Spaß und ungefähr so viel Vergnügen wie Brechdurchfall.

Unter Vortäuschung heftiger Kopfschmerzen - ich mußte mich noch nicht einmal anstrengen, leidend dreinzuschauen -  setzte ich mich an den Rand auf eine Gymnastikbank und muffelte vor mich hin. Da bemerkte ich, wie sich eine Abordnung von fünf, sechs Mädels im ähnlich stylischen Outfit wie die Lehrerin in mein Blickfeld schob. Als sie sich zu mir setzten und mich mit mildgütigem Lächeln von oben herab musterten, konnte ich sie kaum noch ignorieren. Es war jene Art von Gesichtsausdruck, mit dem man durchgeknallte Geisteskranke ansieht, ein wenig unsicher, aber gleichzeitig besänftigend und vorsichtig, um keine unvorhergesehene Reaktion seitens des Irren zu provozieren.
Der Irre, vielmehr die Irre war ich und ich war nicht sehr erbaut über die Störung.  Meine mürrische Miene hielt die missionswütige Schwesternschaft vom Orden der heiligen Burlingtonsocke jedoch nicht davon ab, mich anzuquatschen.
Und als sie mir im sanften Tonfall mitteilten, was der Grund ihres Überfalls war, nachdem sie sich huldvoll nach meinem Befinden erkundigt hatten (mein undeutliches Geknurre verschreckte sie auch nicht), fiel ich vor Schreck fast von der Gymnastikbank. Man wollte mich zu einer der regelmäßig stattfindenden Klassenparties einladen! MICH?!?!?! Wieso um Himmels Willen?
Man erklärte mir daraufhin und das auch wieder in einem Tonfall, als würde man mit einem minderbemittelten Kleinkind reden, daß es ja nicht anginge, daß ich immer von allen Gemeinschaftsaktivitäten ausgeschlossen wäre und es doch traurig wäre, daß ich nichts mit ihnen, meinen Klassenkameraden, zu tun haben wollte.
Hey, das hatten die immerhin mitbekommen! So doof, wie ich immer dachte, waren die dann doch nicht!

Ich muß dann allerdings ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben und besonders, als sie mich fragten, wieso das denn so wäre, verrutschte meine Abwehr signalisierende Miene.
"Wir haben nichts gemeinsam," brummte ich, nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen hatte. Dieses einfache Statement fasste meiner Meinung nach gut zusammen, was Fakt und nicht zu übersehen war. Davon ließen sich die pastelligen Poppergirls jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Ganz im Gegenteil, nun fühlten sie sich erst recht angestachelt, mir zu beweisen, daß dem nicht so sei.
Wie ich das denn meinen würde, wollten sie wissen.
Sacht mal, rede ich Kisuaheli oder was? Seid ihr blind?  Das Popperpony zu lang?
Ich war versucht, in bester Tarzanmanier mit "Du rosa, ich schwarz!" zu antworten, aber schwuppdiwupp entspann sich unter den Grazien eine heftige Diskussion, daß ich mich ja nur ein wenig mehr anpassen und auf sie zugehen müßte. Die Rede war von Klamotten in freundlicheren Farben und Spandau Ballet und Duran Duran und...ach, ich weiß nicht mehr, was sie mir noch alles schmackhaft machen wollten. Irgendwann schaltete ich mein Gehör ab und ging auf's Klo.

Die Party fand ohne mich statt.

Freitag, 6. September 2013

Schulbeginn

Die Ferien sind vorbei und die erste (halbe) Schulwoche auch schon. 
Wie schön...nicht! 
Irgendwie sind die Sommerferien heute schneller um als meine damals. Naja, die Zeit ist einfach schnellebiger, neee, schnelllebiger (das sieht doch krank aus!) geworden und die Feriendauer daher wohl auch kürzer. Nein, natürlich nicht, aber mir kommt es so vor. Wahrscheinlich, weil ich es so genossen habe, nicht mitten in der Nacht aufstehen zu müssen und meinen Tagesablauf flexibler gestalten konnte. Jetzt hat uns der Alltag, der uns in ein straffes Zeitkorsett quetscht, wieder. Beide Kinder sind in die nächste Klasse versetzt worden, wider Erwarten sogar der Sohn, der wie immer reichlich unmotiviert ins neue Schuljahr startete. Wenn er sitzengeblieben wäre, wäre es auch kein Beinbruch gewesen. Ich bin im Gegenteil sogar der Meinung, daß ihm das gutgetan hätte, aber seine wohlmeinenden Lehrer haben ihn noch einmal durchgewunken. Ändert trotzdem nichts an seiner Haltung. Schule ist doof! 

Kann ich verstehen. Und ehrlich gesagt bin ich froh, heute kein Kind sein zu müssen. Die Zeit ist nämlich nicht nur schnell(l)ebiger geworden, sondern unbarmherziger, unmenschlicher, rücksichtsloser. Kinder bekommen das von Geburt an zu spüren und werden schon im Krabbelalter auf Leistung gedrillt - meistens von ihren konkurrenzgeilen Müttern, die es nicht haben können, daß ihr Baby mit neun Monaten noch keine Opernarien trällern kann im Gegensatz zu dem jüngeren Blag einer anderen Mutti aus der Pekipgruppe. Im Kindergarten geht's dann richtig zur Sache. Musikalische Frühförderung steht auf dem Programm, Ballett, Fußball, Judo, Tennis, Englisch- und Französischunterricht für Kleinkinder etc. Und das alles wird einem unter dem Deckmantel "Spiel und Spaß" verkauft. Manches Vorschulkind hat einen Terminplan, der voller ist als der eines Erwachsenen. Freizeit?  Fehlanzeige! Kreatives Buddeln in Sand und Matsch? Schreiend herumtoben? Oder einfach nur mal herumgammeln und den eigenen Gedanken nachhängen? Sich über Wiesen kullern und im Winter im Schnee wälzen? Das dient keinem Zweck und ist pädagogisch nicht wertvoll. Das Kind lernt dabei ja nichts und außerdem könnte es sich dabei schmutzig machen. Wird also gestrichen!

Dann wird das Kind eingeschult.
Die akademischen Leistungen des kleinen Menschen werden nun zum ultimativen Maßstab, an dem sich der elterliche Erfolg oder auch Versagen messen läßt. Bringt das Kind gute Noten heim, einen Pokal beim Sportfest oder eine Auszeichnung beim Mathewettbewerb, dann hat man mit seiner Erziehung alles richtig gemacht. Daß das Kind Selbstbehauptungskurse besuchen muß, wo sein nicht vorhandenes Selbstbewußtsein aufgebaut wird, ist belanglos. Daß sich das Kind aus Angst vor anderen Kindern, die auf dem Pausenhof etwas ruppiger spielen, hinter einem Busch versteckt, ist selbstverständlich die Schuld der anderen Eltern, die ihre Sprößlinge nicht im Griff haben.  Klingt übertrieben, entspringt jedoch nicht meiner Phantasie!
Dem Kind als Zentrum des eigenen Universums, um das sich alles Denken und Handeln dreht, wird damit eine Rolle aufgebürdet, die so schwerwiegend ist, daß ich mich frage, wie liebende Eltern ihrem Nachwuchs so etwas überhaupt antun können. 

Mein Mann und ich sind in den Augen dieser Eltern Versager. Dabei verfolgen wir nur andere Ziele für unsere Kinder und ein anderes Erziehungskonzept. Und das ist schlimm!
Wehe, Kind entspricht heute nicht der Norm! Wehe, Kind besitzt Phantasie und gibt sich gerne kreativen Freizeitbeschäftigungen hin! Freizeit ist ohnehin ein ganz böses Wort. Freie Zeit - das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Frei - das könnte ja etwas mit Entspannung, Nichtstun und Zwanglosigkeit zu tun haben. Anarchie!

 Quelle: http://www.medical-tribune.de/medizin/medizin-cartoons/kinderheilkunde/1283.html

Nein, was heute nicht der Norm entspricht, ist krankhaft und muß therapiert werden. War bei uns damals Legasthenie die Modekrankheit - wer mehr als zwei Rechtschreibfehler in einem Diktat hatte, war verdächtig -, so wird heute ADHS inflationär diagnostiziert.  Wibbelt man mal im Unterricht mit dem Stuhl und spielt mit seinem Radiergummi herum, weil einen die Ausführungen des Physiklehrers langweilen, hat man ADHS und braucht Ritalin, um den Pädagogen nicht in seiner Arbeit zu stören. Ganz furchtbar ist es auch, wenn die Schulnoten nicht den Ansprüchen der Eltern genügen. Aber auch dann hilft dieses Koks auf Rezept, das quasi als eine Art Hirndoping wirkt. Hauptsache, das Kind funktioniert - und zwar in allen Bereichen! Individuelle Begabungen und Interessen? Danach fragt heute niemand mehr. Und so traurig es ist, selbst viele Eltern scheinen ihre Kinder unter dem wachsenden Druck unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr so annehmen zu können, wie sie sind, und unfähig oder nicht willens, die Talente ihrer Sprößlinge zu erkennen und in dem Maß zu fördern, wie es dem Können des Kindes entspricht. Nicht in jedem Kind steckt ein Genie, geschweige denn ein Universalgenie! Aber sagt das mal dem Gros der Eltern, die fest davon überzeugt sind, daß ihr Sproß ein zukünftiger Nobelpreisträger ist! 


Quelle: http://www.legasthenie-reutlingen.de/englisch.html


Was bin ich froh, daß ich kein Kind mehr bin! Wahrscheinlich hätte ich die Megadröhnung Ritalin bekommen, denn ich, die schon optisch nicht dem Durchschnittsschüler von damals entsprach, verbrachte den langweiligen Matheunterricht damit, Hieroglyphen zu malen und Pyramiden, kippelte gerne mit meinem Stuhl herum und habe jetzt noch Schwierigkeiten, lange stillzusitzen. Nur wenn ich altägyptische Texte übersetze, kann ich Geduld und Ausdauer aufbringen. Hieroglyphen sind mein Ritalin!

Tja, was mache ich aber nun mit meinem Sohn, der ein ganz normales Kind ist und sich für Sachen interessiert, die nicht in der Schule gelehrt werden? Wäre ich eine Weißkittelanbeterin und den goldenen Worten der Lehrerschaft hörig, dann würde mein Sohn schon seit Jahren Ritalin bekommen. Das hat mir seine Mathelehrerin in der Grundschule allen Ernstes mal vorgeschlagen, aber als ich ihr beinahe an die Kehle gesprungen bin, hat sie sehr schnell davon Abstand genommen :D
Ich schwanke also immer noch zwischen mütterlicher Sorge und der Frage "Was soll nur mal aus dem Jungen werden?" und der Gewißheit, daß er genug von uns, seinen Eltern, gelernt hat, um seinen Weg zu machen. Aber den muß er erst einmal finden und ich halte es für wichtiger und richtiger, daß er den Anfang dazu selbst entdeckt und wir ihm nicht befehlen, wohin er laufen soll. Wir sind nur seine Begleiter auf seinem Lebensweg, aber nicht diejenigen, die ihm die Richtung vorgeben...

Sonntag, 11. August 2013

Donnerstag, 8. August 2013

Die Mumie von Diepholz

Das Sommerloch treibt immer seltsamere Blüten. 
Eine ganz besonders exotische pflückte jüngst ein zehnjähriger Nachwuchs-Indiana Jones auf dem Dachboden des großmütterlichen Hauses in Diepholz.
Der Sensationsfund ging vor ein paar Tagen durch die deutsche Presse. Diese wahnsinnig authentische ägyptische Mumie des Schlach-mich-tot-anch-amun samt Grabbeigaben unter irgendwelchen Schindeln oder Dachbalken oder sonst was verborgen erschütterte die Medienlandschaft auf's Äußerste.
Und mein Zwerchfell auch.

 Die Mumie von Diepholz - Foto: Lutz Wolfgang Kettler

Schon lange habe ich nicht mehr so herzhaft gelacht wie über diese hanebüchene Geschichte, die um die Herkunft dieser angeblich echten Mumie von dem Vater des jungen Entdeckers konstruiert wurde. Ein Blick auf die Fotos des Gerümpels genügt, um zu erkennen, daß sich da jemand ganz viel Mühe gemacht hat, Ägyptenkitsch aus den Touristenfallen Luxors oder Hurghadas und deutschen Museumsshops zusammenzutragen, um sich daraus eine private Geisterbahn oder Dekoration für die nächste Halloweenparty zu basteln. Betrachten wir die Mumie doch einmal genauer: besonders die absurde Armhaltung verrät schon, daß es sich dabei um keine echte Mumie handeln kann. Abgesehen davon sind angeschmuddelte Elastikbinden auch nicht wirklich von ägyptischen Utpriestern bei der Einbalsamierung verwendet worden. 

Der Knaller schlechthin ist jedoch der Sarg, eine schnöde Holzkiste, die mit Ägyptentapete, die Ende der 80er bzw. in den 90ern der letzte Schrei in Bau- und Heimwerkermärkten war, verziert wurde. Ähnlich bedruckte Tapeten gibt es immer noch käuflich zu erwerben, u.a. bei Ebay - wie auch diese schlecht modellierte Kanope mit ihrer sinnlosen Inschrift, die der Junge in einer weiteren Kiste auf dem Dachboden gefunden haben will.  Das Leichentuch, auf dem die Mumie ruht, ist auch ein solch typisches Produkt ägyptischen Touristenramschs: ein Batiktischtuch mit ägyptischen Motiven und Pseudohieroglyphen, das man für ein paar Euros in Museumsshops erwerben kann. 
Und diese wirklich schreckliche Replik der Totenmaske Tutanchamuns, die kenne ich noch als Wanddeko meines ägyptischen Lieblingsrestaurants, das ich Ende der 80er häufig besuchte und das leider Mitte der 90er seine Pforten schloß.

Aber wieso gibt sich jemand solche Mühe, bastelt dieses Mumiending und den passenden Sarg dafür und spielt der Presse eine derartige Schmierenkomödie vor? Als Sommerferienfreizeitbeschäftigung für den gelangweilten Sohnemann? Höchst erstaunlich ist ja auch noch, daß diese Geschichte mittlerweile von der Journaille weltweit aufgegriffen wurde. Sind Journalisten wirklich so ungebildet und so leicht an der Nase herumzuführen, daß sie nicht erkennen können oder wollen, daß es sich bei der Diepholzer Mumie um eine Fälschung handelt? Das Teil schreit einen doch schon an: "ICH BIN EIN FAKE, DU IDIOT!"

Beleuchten wir einmal die Hintergründe des Fundes und des Finders: da ist erst einmal der kleine Sohn eines Zahnarztes, der auf dem Dachboden herumkrautet und dabei zuuuufällig auf diese Kisten mit der angeblichen Mumie und den Grabbeigaben stößt. Ja, Zahnärzte....hmmm...die werden ja gerne von solch mysteriösen Erscheinungen heimgesucht. Man denke nur an den Chopper, der Anfang der 80er eine bayrische Zahnarztpraxis heimsuchte: Chopper, die Stimme aus dem Abfluß
Na, und dieser Zahnarzt hat eben 'ne Mumie auf'm Dachboden. Wenn sich so etwas herumspricht, kurbelt das ja auch irgendwie das Geschäft an...vielleicht lief die Praxis nicht mehr so gut?

Eine andere, wesentlich kriminellere Möglichkeit wäre, wenn sich beim Durchleuchten der Mumie herausstellen würde, daß das Ding tatsächlich antike Artefakte enthält, die wiederum aufgrund der fantastischen Geschichte, die der Zahnarzt zum Besten gab - Herkunft derMumie - angeblich aus den 50er Jahren stammten? Damals wurde die Antikenausfuhr nämlich noch nicht so streng reglementiert. Erst 1983 beschloß die ägyptische Regierung, daß sämtliche Artefakte, die auf oder in äg. Boden gefunden werden, Staatseigentum sind und das Land dauerhaft nicht verlassen dürfen. 
Hätte der Großvaters des jungen Entdeckers jetzt also die Mumie samt echter Amulette (möglicherweise oder was sich sonst in der Mumie versteckt) VOR 1983 (im lizensierten Handel) in Ägypten erworben und außer Landes geschafft, wie es der Zahnklempner der Presse weismachen will, wären die Artefakte sein rechtmäßiges Eigentum.
Die Frage ist nun: stammen die Mumie und deren möglicher Inhalt tatsächlich aus den 50er Jahren? 
Ich denke nicht, ich denke eher, die ganze Sache stinkt und zwar gewaltig.

Es ist nun einmal so, daß etliche Objekte in den letzten Jahren seit der Revolution 2011 aus ägyptischen Museen und Magazinen oder von Grabungen geraubt und in den dunklen Abgründen des Antikenschmuggels verschwunden sind. Ein Konvolut solcher illegal erworbenen Artefakte wurde jüngst sogar bei Christie's in London angeboten und nicht nur ein Antikenhändler wurde zu einer schmerzhaften Geldstrafe verurteilt, weil er eben solche Stücke zweifelhafter Provenienz verkauft hat. 

Backen wir ein wenig Spekulatius - Weihnachten ist ja nicht mehr weit...
Wenn jetzt ein solches Objekt vielleicht erst 2011 oder 2012 ans Tageslicht befördert wurde - es muß ja nichts Großes sein, eine kleine Statuette wie ein Uschebti, ein Herzskarabäus, ein Ring... - und es durch irgendwelche obskuren Kanäle und Umwege nach Deutschland geriete, quasi als illegaler Auswanderer (siehe das ägyptische Antikenrecht von 1983), was macht man dann am besten, um die Antiquität zu legalisieren und sicherzustellen, daß man nicht wegen Antikenschmuggels verknackt wird?
Ganz klar: man gibt dem Stück eine falsche Geschichte und macht am besten noch ganz viel Wind darum, daß einem die Story auch nur ja abgekauft wird. 
Die Presse läßt sich ja offensichtlich leicht instrumentalisieren - ganz besonders während des Sommerlochs, wo eh nix los ist!

Aber vielleicht steckt auch nichts dahinter außer einem verspäteten Aprilscherz und die spinnerten Ägyptologen mit ihrer Provenienzfälschungsgeschichte leiden nur an den Spätfolgen eines gewaltigen Sonnenstichs...

Donnerstag, 20. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 3


Die 90er oder wie der Haarlack aus meiner Tasche verschwand und wieder zurückkehrte...


Das Ende der 80er bedeutete für mich nicht nur das Ende meiner Schulzeit, sondern stellte auch den Anfang vom Ende meiner aktiven Zeit in der schwarzen Szene dar. Mit dem Abitur eröffneten sich mir endlich die Wege, die ich immer schon einschlagen wollte, fernab von den täglichen Grabenschlachten und Wortgefechten in den Gängen unseres Dorfgymnasiums, fernab von der beschränkten Welt und den Zwängen der Schule, die ich nur durchgestanden hatte, um meinen Traumberuf erlernen zu können...

Mein Freundeskreis änderte sich zwangsläufig in jener Zeit.
Das, was uns während der Schulzeit zusammengeführt hatte, war zum großen Teil hinfällig geworden: wir waren keine Außenseiter im Verband unserer Jahrgangsstufe mehr, eine Handvoll Eigenbrötler, die aus dem Rahmen fielen und sich genau dadurch selbst definierten, die sich abgrenzen wollten und ihren Klassenkameraden hin und wieder gerne Uniformität unterstellten und die Monotonie ihres aus unserer Sicht öden Seins unter die Nase rieben.
Ja, auch ich kann mich und besonders mein Teenie-Ich nicht davon freisprechen, Leute in Schubladen zu stecken bzw. gesteckt zu haben. Und mit der viel beschrienen Toleranz der Schwarzgewandeten war es zumindest in unserem dunkelbunten Umfeld nicht weit her. Wir waren damals Kinder und diesen noch nicht ganz fertigen Menschen sind Eigenschaften wie Verständnis und Nachsicht im Umgang mit ihren Mitmenschen doch ziemlich fremd. Im Gegenteil, wir waren stolz darauf, nicht so zu sein wie alle anderen und blickten sogar mit einem Quentchen Hochmut auf diese langweiligen Normalos herab.
Das Anderssein einte uns – anders im Hinsicht auf die Musik, die wir hörten, die Bücher, die wir lasen, die Themen, die wir diskutierten, die Orte, die wir aufsuchten, die Interessen, die wir teilten. Nicht zuletzt dienten Kleidung, Haartracht und Make-up der Visualisierung der gewaltigen Kluft, die uns in jeglicher Hinsicht von den anderen trennte.

Diese Kluft war plötzlich nicht mehr vorhanden, nach dem Schulabschluß zerbrach der Klassenverband und ich mußte mich neu orientieren.
Ich begann das ersehnte Ägyptologiestudium und traf andere Ägyptenverrückte, mit denen ich mich austauschen konnte, hatte einen guten Nebenjob in einer Arztpraxis (eine weiße Kluft war unumgänglich), und der Kontakt zu meinen alten Freunden brach langsam, aber sicher ab.
Meine Vorliebe für schwarze Kleidung, Horrorliteratur und -filme und mein Musikgeschmack änderten sich zwar nicht, jedoch kamen andere Interessen hinzu: mein Horizont erweiterte sich und damit verschoben sich meine Prioritäten. Was in den 90er Jahren in der schwarzen Szene passierte, ist größtenteils an mir vorbeigegangen bzw. weiß ich nur vom Hörensagen. Ich hielt mich damals im wesentlichen in der Uni oder an meinem Arbeitsplatz auf und fuhr, so oft es mir möglich war, nach Ägypten (Pikes sind nicht sehr zweckmäßig, um in Gräbern herumzukrauten und schwarze Klamotten sorgen im Hochsommer im Luxor nur für einen Kreislaufkollaps). Außerdem pflegte ich verstärkt eines meiner Hobbies: die Darstellung einer Klingonin aus Star Trek. Im Nachhinein sehe ich zwischen meiner schwarzgewandeten Klingonin und dem gruftigen Teenager, der ich einmal war, einige Parallelen. Nicht nur, daß ich die Einzige in meinem damaligen Umfeld war, die einer solch exotischen Freizeitbeschäftigung nachging, ich suchte und fand dadurch neue Freunde und Bekannte, denen es ebenso Spaß machte, sich die Kostüme und Masken, die man für eine ordentliche Darstellung brauchte, selbst zu nähen und zu fabrizieren. Wie oft haben wir Nerds, von den Briefmarken sammelnden Normalos spöttisch belächelt, gemeinsame Basteltage verbracht, Maskenbildnertipps ausgetauscht und uns beim Schminken und Maske/Kostümanlegen geholfen, bevor es auf eine Convention ging! Ja, auch da hatte ich Haarlack dabei, um die struppige Klingonenkreppfrisur, die doch ein wenig an den Zottellook meiner Gruftizeit erinnerte, den Tag überstehen zu lassen!
Ein wenig war es wie früher, als man sich seine Gruftklamotten selber nähte und seinen Nietenschmuck selbst zusammendrosch, sich beim Toupieren der Haare helfen und von der Freundin den Lidstrich ziehen ließ...

Nur war die Klingonin nicht mehr als eine Verkleidung für mich, die mich aus dem Alltag ausbrechen und in eine andere Rolle schlüpfen ließ, der Grufti (oder meinetwegen auch Goth) jedoch ist tief in mir verwurzelt. Er ist ein Teil meines Ichs, ein ziemlich eigensinniger Teil, der gerne gegen gesellschaftliche Zwänge rebelliert, aber mittlerweile akzeptiert hat, daß es unumgänglich ist, sich hin und wieder den gängigen Normen anzupassen – wenigstens ein Stück weit – und der durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann man besser die Pikes und Nietengürtel im Schrank zu lassen hat.

Im Grunde ist dieser Teil in den 80ern stecken geblieben. Mag sich die schwarze Szene auch weiterentwickelt haben, ich bleibe meinem altmodischen Gruftstyle treu. Mit Cybergoths kann ich nichts anfangen, die sind mir zu bunt und zu schrill und was Steampunk mit Gothic zu tun hat, erschließt sich mir auch nicht. Da bin ich konservativ. Überhaupt schaue ich mir mit Staunen und teilweise offenem Mund an, was es so alles für den Gothic von heute und die kuriosen Ableger, die die schwarze Szene getrieben hat, zu erwerben gibt. Und mehr als einmal habe ich mich schon bei dem Gedanken „Das hätte es damals bei uns aber nicht gegeben!“ ertappt. Naja, leben und leben lassen und wer Spaß am pinkfarbenen Schläuchen mit blinkenden LEDs auf'm Kopf hat, dem sei der von Herzen gegönnt!

Wenigstens brauche ich bei diesen Cybergoths keine Angst zu haben, daß sie mir ein Paar Pikes vor der Nase wegschnappen und die Ruhe auf meinem Friedhof stören! ;-)


P.S.: Wenn ich von „wir“ oder „man“ schrieb, meinte ich damit nicht generell die schwarze Szene, sondern ausschließlich meinen damaligen Freundeskreis und meine Wenigkeit. Bei „den anderen“ handelt es sich dementsprechend um Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen, Verwandte etc. Kurz: die Typen aus den Schubladen „Popper“ und „Normalo“ :-D