Montag, 7. Oktober 2013

Bat caves: Expedition Fledermaus - Teil 1

Zu des Gruftis Lieblingsgetier zählt ja bekanntlich die Fledermaus.
Auch mich faszinieren die Tierchen schon seit meiner Kindheit, habe ich doch das Glück, am Rande des Naturparks Siebengebirge zu leben mit einem der bedeutendsten Microchiroptera-Überwinterungsquartiere im südlichen NRW bzw. nördlichen Rheinland-Pfalz.

Die nachtaktiven Flattermänner und -weiber gehören leider zu den stark bedrohten Tierarten. Von den ca. 900 weltweit bekannten Fledermausarten können aktuell wohl 25 in Deutschland nachgewiesen werden, einige sind bereits ausgestorben, einige vom Aussterben bedroht.  Zwar soll sich der heimische Bestand seit den 70er Jahren (nach dem Verbot des Pflanzenschutzmittels DDT) wieder deutlich erholt haben, die intensive Land- und Forstwirtschaft, der Abriß alter Gebäude und insbesondere die moderne Bauweise mit hermetischer Isolierung und der damit einhergehende Verlust ihrer Schlafquartiere schränken die Lebensräume der fliegenden Säuger immer weiter ein. Auch in unserem Dorf mussten alte Streuobstwiesen Reihenhäusern mit Handtuchgärten und dicht an dicht errichteten Einfamilienklötzen weichen. Umflatterten früher noch ganze Fledermausschwärme die Kirchturmspitze, kann man heute froh sein, wenn man noch ein einziges Fledertier zu Gesicht bekommt - so mein subjektiver Eindruck jedenfalls.


Daher freute es mich besonders, als sich die Hinweise verdichteten, daß ein paar Fledermuttis unser Haus - genauer gesagt einen Rolladenkasten - als Wochenstube und Kindergarten für ihre Jungen auserkoren haben. Auch auf unserem Dachboden scheinen nicht nur Vögel und Hornissen Unterschlupf zu suchen, die nächtlichen Aktivitäten deuten auf Fledermäuse hin, zumal unser Dachboden ein Luxushotel erster Güte für die Tierchen sein müsste. Unser Haus ist nämlich ca. 250 Jahre alt und der Dachboden - bis auf einen Anbau aus den 60er Jahren - im ursprünglichen Zustand: dunkel, grob behauene Holzbalken, gleichmäßige Temperaturen und viele Einflug- und Schlupflöcher. Auch die Jahres- bzw. Tageszeiten, zu denen wir dieses mysteriöse Gekraspel und Getrippel, Piepsen und Quieken - die Sozialrufe von Fledermäusen sind für Menschen hörbar, vor allem, wenn die Jungtiere nach ihren Mamas rufen - vom Dachboden bzw. im Rolladenkasten vernahmen, stimmen mit dem Fledermausjahr überein: 
Januar bis ca. März/April: Winterschlaf
Frühjahr: Eisprung, Befruchtung der Eizelle nach im Herbst erfolgter Paarung. Die Weibchen verlassen das Winterquartier und bilden Kolonien, die sog. Wochenstuben, um nach einer Tragzeit von 45 bis 70 Tagen gemeinsam ihre Jungen zu gebären und großzuziehen.
Juni/Juli: Geburt der Jungen
August/September: Nach fünf bis sechs Wochen sind die Babies von ihren Müttern entwöhnt und werden flügge. Die Wochenstubenverbände werden aufgelöst, die Paarungszeit beginnt und die Fledermäuse treffen in ihren Paarungsquartieren zusammen.
Oktober: Abwanderung in die Winterquartiere, Winterschlaf

Nun wollten wir einmal nachsehen, wo unsere geflügelten Sommergäste den Winter verbringen. Also machten wir uns auf zu den Ofenkaulen.



Der Ofenkaulberg liegt rechts der L331, die von Königswinter über die Margarethenhöhe nach Ittenbach führt. Der Name rührt von den Ofenkaulen (Kaule = Kuhle) her, ein weitverzweigtes Stollensystem, wo seit dem Mittelalter Trachyttuff abgebaut wurde. Bei Trachyttuff handelt es sich um ein weiches Gestein (=verfestigte Schlacken als Auswurfprodukte von Vulkanen. Das Siebengebirge stellt im Grunde die Ruine eines einzigen Aschekegels eines riesigen Vulkanes dar.) mit hervorragenden wärmespeichernden Eigenschaften, das zum Backofenbau verwendet wurde. Insbesondere im 19. Jahrhundert erreichte der Tuffabbau in den Ofenkaulen mit der Erfindung des "Königswinterer Ofens" (eine spezielle Form des Backofens) seinen Höhepunkt.  Relikte dieser Bergwerke, die sich über mehrere Ebenen auf angeblich 100.000 qm erstrecken, sind heute noch zu sehen. Besuchen kann man die Stollen und Schächte jedoch nicht. Etliche sind bereits eingestürzt, bei unbefugtem Eindringen besteht Lebensgefahr! Die Zugänge liegen verborgen und abseits der bekannten Wanderwege. Sie sind in den 80er Jahren zubetoniert oder mit schweren Platten und Toren (die jedoch von irgendwelchen Vandalen immer wieder gerne aufgebrochen werden) verrammelt worden. Nur für die Fledermäuse, die dort überwintern, sind Einflugschlitze angebracht. Einige davon haben wir uns am Sonntag angesehen.


Der sog. Aerostahlstollen oder Drachenmaul
Eingang Nr. 38 


Einflugschlitze für Fledermäuse


Mal hineingespäht und geknipst:




Wir folgten dem kleinen Pfad, der offensichtlich fleißig von Mountainbikefahrern genutzt wird, Richtung Norden, um in einer kleinen Schlucht Eingang Nr. 33 zu entdecken. Einige Treppenstufen führten hinab.

Eingang 33 von oben

Ein loser, von der Decke hängender Felsen, der aussah, als würde er bei dem kleinsten Windhauch herabstürzen, verdarb uns jedoch die Lust, uns diese Kaule näher anzuschauen.

Eingang 33 mit Fledermausschlitz

Weiter ging's zum kalten Heinrich, Eingang Nr. 31, der den offiziellen Namen Theodor Rings trägt. Im Volksmund nennt man ihn "Kalter Heinrich", weil aus den Stollen ein starker, eisiger Luftzug strömt, den man noch in einiger Entfernung vom Stolleneingang wahrnehmen kann. Auch hier befinden sich wieder Einflugschlitze für Fledertiere. Leider war es recht duster im Wald, so daß die Fotos allesamt ziemlich verwackelt sind. Wir waren aber bestimmt nicht das letzte Mal an den Ofenkaulen!



Weitere Links zu den Ofenkaulen: 

Fortsetzung folgt...

Montag, 9. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 2

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Auch die ältere Schwester meiner Mutter hatte ganz besondere Pläne für mich, die ebenfalls mit pastellfarbenen Klamotten zu tun hatten.  Deshalb bekam ich zu Weihnachten einen himmelblauen Strickpullover von ihr, den ich natürlich sofort anprobieren mußte. Alles andere wäre ja undankbar gewesen.
Die ganze Verwandtschaft - und ich habe eine riesengroße - verfiel in kollektives Entzücken. Wie gut mir diese Farbe doch stehen würde, ich sähe ganz anders aus, viel frischer, nicht so tot, blablabla...
Daß mir der blöde Pulli zwei Nummern zu klein war, bemerkte keiner.

Angesteckt von dieser Entschwarzifizierungswelle kamen meine Eltern auch einmal auf den Trichter, mir eine weiße Kunstlederjacke und himbeerfarbene Schuhe mitzubringen, deren Form mich irgendwie an die Füße Donald Ducks erinnerten...nachdem eine Straßenwalze drübergerollert war. Die Treter wären besser für meine Füße, meinten sie, als die spitzen Dinger mit dem Haufen Schnallen. Pah!!!
Der erwartete Glückstaumel meinerseits blieb aus und ein jubelndes "Toll! Danke, ihr seid die besten Eltern der Welt!" ebenso. Ich war und bin keine Meisterin der Diplomatie und auch Notlügen kommen mir selten über meine Lippen. Daß ich alles andere als begeistert von den elterlichen Mitbringseln war, hat man mir wohl angesehen und die Frage "Was soll ich mit dem Kram?" brachte meine Eltern erst recht auf die Palme. Mir wurde Undank vorgeworfen und daß ich immer nur fordern würde - Hä? Habe ich etwa nach rosaroten Schuhen gefragt? - und dann kam der altbewährte Spruch mit den Füßen und dem Tisch.
Naja, irgendwann resignierten meine Eltern und meine Mutter half mir letztendlich sogar beim Nähen und Verzieren selbstentworfener Klamotten. Nur einmal, als ich zur Nagelschere griff, um meinem kindlichen Topfhaarschnitt den richtigen Stand für den ultimativen Robert-Smith-Look zu verpassen, ist meine Mutter ausgerastet. Aber ansonsten meinten sie, daß ich mich in einer schwierigen Phase befände, und schwiegen fortan. Selbst zu meinen diversen Experimenten mit verschiedenen dunkelbunten Haarfarben.

Quelle: http://www.tumblr.com/tagged/winklepickers?before=124
Die große Angst meiner Eltern: das Kind verstümmelt sich!

Also war so weit alles o.k. - das könnte man meinen. Pustekuchen!
Kaum hatte sich die Familie so halbwegs mit ihrem schwarzen Schaf abgefunden - nicht zuletzt deshalb, weil mein heißgeliebter Opa ein Machtwort gesprochen hatte -, starteten meine Mitschüler einen erneuten Versuch, mich aus meiner selbst gewählten Isolation zu reißen. Diesmal nicht mit irgendwelchen glorreichen Vorschlägen zu Kleidung und Frisur, sondern mit einer ganz perfiden Masche: Verständnis und Einfühlungsvermögen!
Nun war ich immer schon ein Einzelgänger gewesen und meine wenigen Freunde konnte man an einer Hand abzählen. Zu der Zeit jedoch war ich ganz allein. Meine beste (und einzige) Freundin war krank geworden und zwar so schwer, daß sie nicht mehr in die Schule zurückkehrte, ein guter Freund war mit seinen Eltern ausgewandert und der andere, eher ein guter Bekannter, hatte sich quasi über Nacht dem Poppertum verschrieben.

Anscheinend hatten meine Klassenkameraden wohl Mitleid mit mir, dem armen, einsamen Geschöpf, und trachteten danach, die finstere Aura der Melancholie, die mich umgab, zu vertreiben.
Sie konnten zwar nicht begreifen, wieso ich nichts mit ihnen zu tun haben wollte, aber sie wollten wenigstens nachvollziehen können, aus welchen Gründen ich das Alleinsein vorzog und wieso ich so anders aussah und warum ich meine Fingernägel schwarz lackierte, obwohl nicht Karneval war. Das bekümmerte besonders meine Namensvetterin, die auch in meine Klasse ging, und sie gierte geradezu danach zu erfahren, wieso mir meine dunklen Fingernägel so gut gefielen, obwohl sie sie so nicht mochte. Und warum Fledermäuse von meinen Ohren herabbaumelten, obwohl das doch so eklige Viecher seien.
Sie hatten allerdings nicht damit gerechnet, daß ich nicht willens war, ihnen Rede und Antwort zu stehen und mich dafür zu rechtfertigen, wer oder wie ich bin. Ich bin ich, take it oder leave it!

Natürlich wäre es schön gewesen, ich hätte damals wenigstens einen Menschen gehabt, dem ich mich hätte anvertrauen können und der meine Zurückgezogenheit und Interessen teilte. So groß war meine Sehnsucht nach Gesellschaft jedoch nicht, daß ich mich dem aus meiner Sicht oberflächlichen Gros meiner Jahrgangsstufe anschloß. Da blieb ich lieber allein.
Nach den Sommerferien änderte sich das jedoch, als ein paar Neuzugänge zu uns stießen und wir in die Oberstufe kamen. Ich war gerade 16 geworden, als ich meine späteren Freunde traf. Zuerst war ich noch ziemlich wortkarg und mißtrauisch, aber bald schon war klar, daß ich endlich ein paar Seelenverwandten begegnet war. Klingt kitschig, aber genauso empfand ich.
Das Dunkel, das immer irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Herzens lauert und mich manchmal und ohne eigentlichen Grund überfällt, das mich mitunter Einsamkeit und Stille suchen läßt, die düstere Seite meines Ichs, die so verstörend auf meine Mitmenschen wirkt(e), konnte ich plötzlich mit diesen Leuten teilen. Und ich brauchte noch nicht einmal ein Wort darüber zu verlieren, sie verstanden mich auch so.

So weit war also alles in trockenen Tüchern, als die Frage aufkam, was man denn nach dem Abi mit seinem Leben anstellen wolle. Meine Berufswahl stand schon seit dem Vorschulalter fest und daran war auch nichts zu rütteln.  Meine Tante meinte jedoch mal wieder, sich einmischen zu müssen und stachelte auch meine Mutter an, daß ich mir doch eine Lehrstelle suchen solle. Und sie hatte auch gleich eine für mich parat: ich sollte Bankkauffrau werden und nicht nur aus dem Grund, weil eine kaufmännische Ausbildung grundsolide und anständig ist, sondern auch, weil ich mich da ordentlich anziehen müsse. Beinahe schon hämisch erklärte sie mir die bankkauffrauliche Kleiderordnung und daß ich bestimmt wunderbar im taubenblauen Kostüm und weißen Blüschen aussehen würde. Ich sei doch so ein hübsches Mädchen, lamentierte sie, wieso ich mich denn so schrecklich zurechtmachen würde?

Weil ich mich in schwarzen Klamotten wohl- und in hellbunten verkleidet fühle? Weil ich mir so gefalle und das für mich die Hauptsache ist und nicht, ob mich andere mögen? Und mir Leute, die sich nur dann mit mir abgeben wollen, wenn ich so herumlaufe wie sie, gestohlen bleiben können?
Meine Antwort blieb meiner Tante jedoch erspart, weil mein Opa wieder dazwischenfunkte. Er hielt nämlich zu mir, mein Opa, und seine väterliche Rüge ließ seine Tochter, meine nervige Spießertante, grummelnd von dannen ziehen.

Die Gute hätte ohnehin nicht begriffen, welche Bedeutung meine Aufmachung für mich hatte und noch immer hat.  Für einen Grufti - man verzeihe mir, wenn ich jetzt verallgemeinere - ist schwarze Kleidung oder der Schmuck, den er trägt, viel mehr als ausschließlich das. Seine Erscheinung ist im Grunde ein nach außen hin zur Schau getragener Teil seines Wesens, die Enthüllung seines inner goth, ein öffentliches Bekenntnis zur Düsternis als Teil seiner Essenz, ein Symbol dafür. Daher ist es auch ein Ding der Unmöglichkeit, einen Grufti zum Normalo zu bekehren. Es wäre Selbstaufgabe.

Samstag, 7. September 2013

Missionierungsversuche - Teil 1

Oder wie man einen Grufti bekehrt und warum das ein sinnloses Unterfangen darstellt...


Jeder, der nicht dem gängigen Ideal des deutschen Durchschnittsbürgers entspricht, wird sich früher oder später mit dem Vorschlag, der Bitte oder dem Befehl konfrontiert sehen, sich doch bitteschön oder gefälligst "normal" zu kleiden und die Haare entsprechend zu stylen - entweder seitens der Verwandtschaft, der Mitschüler und der Lehrer, seitens der Kollegen oder des Chefs oder aller, die dir irgendwann über den Weg laufen und die ungefragt ihre Meinung zu deinem Aussehen äußern müssen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als meine Mitschüler den Versuch starteten, mich in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Das Ganze hatte nur einen Haken: ich wollte nicht!
Eine unbeirrbare Gesandtschaft der Kongregation pastellfarbener Lacosteshirtträger konnte es dennoch nicht lassen, mich auf den rechten Pfad zurückzuführen und aus der Dunkelheit hin zum Licht!
Wir hatten Sport. Aerobic. Sydne Rome. Eine ältliche Lehrerin in rosa Leg warmers, passendem Stirnband und einem dieser komischen Badeanzüge, die man über hautengen Gymnastikhosen trug. Himmelblaue Turnschuhe und Lackgürtel  mit Glitzersternchen. Ein Alptraum. Horror pur.
Die Jungs dürften Basketball spielen und Hockey, aber wir Mädchen mußten zu den ohrenbetäubenden Klängen einer Jane-Fonda-LP auf der Stelle treten und in spastischen Zuckungen zu den Rhythmen irgendeiner Disko-Pop-Tralala-Schnulze herumhampeln. Machte irrsinnigen Spaß und ungefähr so viel Vergnügen wie Brechdurchfall.

Unter Vortäuschung heftiger Kopfschmerzen - ich mußte mich noch nicht einmal anstrengen, leidend dreinzuschauen -  setzte ich mich an den Rand auf eine Gymnastikbank und muffelte vor mich hin. Da bemerkte ich, wie sich eine Abordnung von fünf, sechs Mädels im ähnlich stylischen Outfit wie die Lehrerin in mein Blickfeld schob. Als sie sich zu mir setzten und mich mit mildgütigem Lächeln von oben herab musterten, konnte ich sie kaum noch ignorieren. Es war jene Art von Gesichtsausdruck, mit dem man durchgeknallte Geisteskranke ansieht, ein wenig unsicher, aber gleichzeitig besänftigend und vorsichtig, um keine unvorhergesehene Reaktion seitens des Irren zu provozieren.
Der Irre, vielmehr die Irre war ich und ich war nicht sehr erbaut über die Störung.  Meine mürrische Miene hielt die missionswütige Schwesternschaft vom Orden der heiligen Burlingtonsocke jedoch nicht davon ab, mich anzuquatschen.
Und als sie mir im sanften Tonfall mitteilten, was der Grund ihres Überfalls war, nachdem sie sich huldvoll nach meinem Befinden erkundigt hatten (mein undeutliches Geknurre verschreckte sie auch nicht), fiel ich vor Schreck fast von der Gymnastikbank. Man wollte mich zu einer der regelmäßig stattfindenden Klassenparties einladen! MICH?!?!?! Wieso um Himmels Willen?
Man erklärte mir daraufhin und das auch wieder in einem Tonfall, als würde man mit einem minderbemittelten Kleinkind reden, daß es ja nicht anginge, daß ich immer von allen Gemeinschaftsaktivitäten ausgeschlossen wäre und es doch traurig wäre, daß ich nichts mit ihnen, meinen Klassenkameraden, zu tun haben wollte.
Hey, das hatten die immerhin mitbekommen! So doof, wie ich immer dachte, waren die dann doch nicht!

Ich muß dann allerdings ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben und besonders, als sie mich fragten, wieso das denn so wäre, verrutschte meine Abwehr signalisierende Miene.
"Wir haben nichts gemeinsam," brummte ich, nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen hatte. Dieses einfache Statement fasste meiner Meinung nach gut zusammen, was Fakt und nicht zu übersehen war. Davon ließen sich die pastelligen Poppergirls jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Ganz im Gegenteil, nun fühlten sie sich erst recht angestachelt, mir zu beweisen, daß dem nicht so sei.
Wie ich das denn meinen würde, wollten sie wissen.
Sacht mal, rede ich Kisuaheli oder was? Seid ihr blind?  Das Popperpony zu lang?
Ich war versucht, in bester Tarzanmanier mit "Du rosa, ich schwarz!" zu antworten, aber schwuppdiwupp entspann sich unter den Grazien eine heftige Diskussion, daß ich mich ja nur ein wenig mehr anpassen und auf sie zugehen müßte. Die Rede war von Klamotten in freundlicheren Farben und Spandau Ballet und Duran Duran und...ach, ich weiß nicht mehr, was sie mir noch alles schmackhaft machen wollten. Irgendwann schaltete ich mein Gehör ab und ging auf's Klo.

Die Party fand ohne mich statt.

Freitag, 6. September 2013

Schulbeginn

Die Ferien sind vorbei und die erste (halbe) Schulwoche auch schon. 
Wie schön...nicht! 
Irgendwie sind die Sommerferien heute schneller um als meine damals. Naja, die Zeit ist einfach schnellebiger, neee, schnelllebiger (das sieht doch krank aus!) geworden und die Feriendauer daher wohl auch kürzer. Nein, natürlich nicht, aber mir kommt es so vor. Wahrscheinlich, weil ich es so genossen habe, nicht mitten in der Nacht aufstehen zu müssen und meinen Tagesablauf flexibler gestalten konnte. Jetzt hat uns der Alltag, der uns in ein straffes Zeitkorsett quetscht, wieder. Beide Kinder sind in die nächste Klasse versetzt worden, wider Erwarten sogar der Sohn, der wie immer reichlich unmotiviert ins neue Schuljahr startete. Wenn er sitzengeblieben wäre, wäre es auch kein Beinbruch gewesen. Ich bin im Gegenteil sogar der Meinung, daß ihm das gutgetan hätte, aber seine wohlmeinenden Lehrer haben ihn noch einmal durchgewunken. Ändert trotzdem nichts an seiner Haltung. Schule ist doof! 

Kann ich verstehen. Und ehrlich gesagt bin ich froh, heute kein Kind sein zu müssen. Die Zeit ist nämlich nicht nur schnell(l)ebiger geworden, sondern unbarmherziger, unmenschlicher, rücksichtsloser. Kinder bekommen das von Geburt an zu spüren und werden schon im Krabbelalter auf Leistung gedrillt - meistens von ihren konkurrenzgeilen Müttern, die es nicht haben können, daß ihr Baby mit neun Monaten noch keine Opernarien trällern kann im Gegensatz zu dem jüngeren Blag einer anderen Mutti aus der Pekipgruppe. Im Kindergarten geht's dann richtig zur Sache. Musikalische Frühförderung steht auf dem Programm, Ballett, Fußball, Judo, Tennis, Englisch- und Französischunterricht für Kleinkinder etc. Und das alles wird einem unter dem Deckmantel "Spiel und Spaß" verkauft. Manches Vorschulkind hat einen Terminplan, der voller ist als der eines Erwachsenen. Freizeit?  Fehlanzeige! Kreatives Buddeln in Sand und Matsch? Schreiend herumtoben? Oder einfach nur mal herumgammeln und den eigenen Gedanken nachhängen? Sich über Wiesen kullern und im Winter im Schnee wälzen? Das dient keinem Zweck und ist pädagogisch nicht wertvoll. Das Kind lernt dabei ja nichts und außerdem könnte es sich dabei schmutzig machen. Wird also gestrichen!

Dann wird das Kind eingeschult.
Die akademischen Leistungen des kleinen Menschen werden nun zum ultimativen Maßstab, an dem sich der elterliche Erfolg oder auch Versagen messen läßt. Bringt das Kind gute Noten heim, einen Pokal beim Sportfest oder eine Auszeichnung beim Mathewettbewerb, dann hat man mit seiner Erziehung alles richtig gemacht. Daß das Kind Selbstbehauptungskurse besuchen muß, wo sein nicht vorhandenes Selbstbewußtsein aufgebaut wird, ist belanglos. Daß sich das Kind aus Angst vor anderen Kindern, die auf dem Pausenhof etwas ruppiger spielen, hinter einem Busch versteckt, ist selbstverständlich die Schuld der anderen Eltern, die ihre Sprößlinge nicht im Griff haben.  Klingt übertrieben, entspringt jedoch nicht meiner Phantasie!
Dem Kind als Zentrum des eigenen Universums, um das sich alles Denken und Handeln dreht, wird damit eine Rolle aufgebürdet, die so schwerwiegend ist, daß ich mich frage, wie liebende Eltern ihrem Nachwuchs so etwas überhaupt antun können. 

Mein Mann und ich sind in den Augen dieser Eltern Versager. Dabei verfolgen wir nur andere Ziele für unsere Kinder und ein anderes Erziehungskonzept. Und das ist schlimm!
Wehe, Kind entspricht heute nicht der Norm! Wehe, Kind besitzt Phantasie und gibt sich gerne kreativen Freizeitbeschäftigungen hin! Freizeit ist ohnehin ein ganz böses Wort. Freie Zeit - das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Frei - das könnte ja etwas mit Entspannung, Nichtstun und Zwanglosigkeit zu tun haben. Anarchie!

 Quelle: http://www.medical-tribune.de/medizin/medizin-cartoons/kinderheilkunde/1283.html

Nein, was heute nicht der Norm entspricht, ist krankhaft und muß therapiert werden. War bei uns damals Legasthenie die Modekrankheit - wer mehr als zwei Rechtschreibfehler in einem Diktat hatte, war verdächtig -, so wird heute ADHS inflationär diagnostiziert.  Wibbelt man mal im Unterricht mit dem Stuhl und spielt mit seinem Radiergummi herum, weil einen die Ausführungen des Physiklehrers langweilen, hat man ADHS und braucht Ritalin, um den Pädagogen nicht in seiner Arbeit zu stören. Ganz furchtbar ist es auch, wenn die Schulnoten nicht den Ansprüchen der Eltern genügen. Aber auch dann hilft dieses Koks auf Rezept, das quasi als eine Art Hirndoping wirkt. Hauptsache, das Kind funktioniert - und zwar in allen Bereichen! Individuelle Begabungen und Interessen? Danach fragt heute niemand mehr. Und so traurig es ist, selbst viele Eltern scheinen ihre Kinder unter dem wachsenden Druck unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr so annehmen zu können, wie sie sind, und unfähig oder nicht willens, die Talente ihrer Sprößlinge zu erkennen und in dem Maß zu fördern, wie es dem Können des Kindes entspricht. Nicht in jedem Kind steckt ein Genie, geschweige denn ein Universalgenie! Aber sagt das mal dem Gros der Eltern, die fest davon überzeugt sind, daß ihr Sproß ein zukünftiger Nobelpreisträger ist! 


Quelle: http://www.legasthenie-reutlingen.de/englisch.html


Was bin ich froh, daß ich kein Kind mehr bin! Wahrscheinlich hätte ich die Megadröhnung Ritalin bekommen, denn ich, die schon optisch nicht dem Durchschnittsschüler von damals entsprach, verbrachte den langweiligen Matheunterricht damit, Hieroglyphen zu malen und Pyramiden, kippelte gerne mit meinem Stuhl herum und habe jetzt noch Schwierigkeiten, lange stillzusitzen. Nur wenn ich altägyptische Texte übersetze, kann ich Geduld und Ausdauer aufbringen. Hieroglyphen sind mein Ritalin!

Tja, was mache ich aber nun mit meinem Sohn, der ein ganz normales Kind ist und sich für Sachen interessiert, die nicht in der Schule gelehrt werden? Wäre ich eine Weißkittelanbeterin und den goldenen Worten der Lehrerschaft hörig, dann würde mein Sohn schon seit Jahren Ritalin bekommen. Das hat mir seine Mathelehrerin in der Grundschule allen Ernstes mal vorgeschlagen, aber als ich ihr beinahe an die Kehle gesprungen bin, hat sie sehr schnell davon Abstand genommen :D
Ich schwanke also immer noch zwischen mütterlicher Sorge und der Frage "Was soll nur mal aus dem Jungen werden?" und der Gewißheit, daß er genug von uns, seinen Eltern, gelernt hat, um seinen Weg zu machen. Aber den muß er erst einmal finden und ich halte es für wichtiger und richtiger, daß er den Anfang dazu selbst entdeckt und wir ihm nicht befehlen, wohin er laufen soll. Wir sind nur seine Begleiter auf seinem Lebensweg, aber nicht diejenigen, die ihm die Richtung vorgeben...

Sonntag, 11. August 2013

Donnerstag, 8. August 2013

Die Mumie von Diepholz

Das Sommerloch treibt immer seltsamere Blüten. 
Eine ganz besonders exotische pflückte jüngst ein zehnjähriger Nachwuchs-Indiana Jones auf dem Dachboden des großmütterlichen Hauses in Diepholz.
Der Sensationsfund ging vor ein paar Tagen durch die deutsche Presse. Diese wahnsinnig authentische ägyptische Mumie des Schlach-mich-tot-anch-amun samt Grabbeigaben unter irgendwelchen Schindeln oder Dachbalken oder sonst was verborgen erschütterte die Medienlandschaft auf's Äußerste.
Und mein Zwerchfell auch.

 Die Mumie von Diepholz - Foto: Lutz Wolfgang Kettler

Schon lange habe ich nicht mehr so herzhaft gelacht wie über diese hanebüchene Geschichte, die um die Herkunft dieser angeblich echten Mumie von dem Vater des jungen Entdeckers konstruiert wurde. Ein Blick auf die Fotos des Gerümpels genügt, um zu erkennen, daß sich da jemand ganz viel Mühe gemacht hat, Ägyptenkitsch aus den Touristenfallen Luxors oder Hurghadas und deutschen Museumsshops zusammenzutragen, um sich daraus eine private Geisterbahn oder Dekoration für die nächste Halloweenparty zu basteln. Betrachten wir die Mumie doch einmal genauer: besonders die absurde Armhaltung verrät schon, daß es sich dabei um keine echte Mumie handeln kann. Abgesehen davon sind angeschmuddelte Elastikbinden auch nicht wirklich von ägyptischen Utpriestern bei der Einbalsamierung verwendet worden. 

Der Knaller schlechthin ist jedoch der Sarg, eine schnöde Holzkiste, die mit Ägyptentapete, die Ende der 80er bzw. in den 90ern der letzte Schrei in Bau- und Heimwerkermärkten war, verziert wurde. Ähnlich bedruckte Tapeten gibt es immer noch käuflich zu erwerben, u.a. bei Ebay - wie auch diese schlecht modellierte Kanope mit ihrer sinnlosen Inschrift, die der Junge in einer weiteren Kiste auf dem Dachboden gefunden haben will.  Das Leichentuch, auf dem die Mumie ruht, ist auch ein solch typisches Produkt ägyptischen Touristenramschs: ein Batiktischtuch mit ägyptischen Motiven und Pseudohieroglyphen, das man für ein paar Euros in Museumsshops erwerben kann. 
Und diese wirklich schreckliche Replik der Totenmaske Tutanchamuns, die kenne ich noch als Wanddeko meines ägyptischen Lieblingsrestaurants, das ich Ende der 80er häufig besuchte und das leider Mitte der 90er seine Pforten schloß.

Aber wieso gibt sich jemand solche Mühe, bastelt dieses Mumiending und den passenden Sarg dafür und spielt der Presse eine derartige Schmierenkomödie vor? Als Sommerferienfreizeitbeschäftigung für den gelangweilten Sohnemann? Höchst erstaunlich ist ja auch noch, daß diese Geschichte mittlerweile von der Journaille weltweit aufgegriffen wurde. Sind Journalisten wirklich so ungebildet und so leicht an der Nase herumzuführen, daß sie nicht erkennen können oder wollen, daß es sich bei der Diepholzer Mumie um eine Fälschung handelt? Das Teil schreit einen doch schon an: "ICH BIN EIN FAKE, DU IDIOT!"

Beleuchten wir einmal die Hintergründe des Fundes und des Finders: da ist erst einmal der kleine Sohn eines Zahnarztes, der auf dem Dachboden herumkrautet und dabei zuuuufällig auf diese Kisten mit der angeblichen Mumie und den Grabbeigaben stößt. Ja, Zahnärzte....hmmm...die werden ja gerne von solch mysteriösen Erscheinungen heimgesucht. Man denke nur an den Chopper, der Anfang der 80er eine bayrische Zahnarztpraxis heimsuchte: Chopper, die Stimme aus dem Abfluß
Na, und dieser Zahnarzt hat eben 'ne Mumie auf'm Dachboden. Wenn sich so etwas herumspricht, kurbelt das ja auch irgendwie das Geschäft an...vielleicht lief die Praxis nicht mehr so gut?

Eine andere, wesentlich kriminellere Möglichkeit wäre, wenn sich beim Durchleuchten der Mumie herausstellen würde, daß das Ding tatsächlich antike Artefakte enthält, die wiederum aufgrund der fantastischen Geschichte, die der Zahnarzt zum Besten gab - Herkunft derMumie - angeblich aus den 50er Jahren stammten? Damals wurde die Antikenausfuhr nämlich noch nicht so streng reglementiert. Erst 1983 beschloß die ägyptische Regierung, daß sämtliche Artefakte, die auf oder in äg. Boden gefunden werden, Staatseigentum sind und das Land dauerhaft nicht verlassen dürfen. 
Hätte der Großvaters des jungen Entdeckers jetzt also die Mumie samt echter Amulette (möglicherweise oder was sich sonst in der Mumie versteckt) VOR 1983 (im lizensierten Handel) in Ägypten erworben und außer Landes geschafft, wie es der Zahnklempner der Presse weismachen will, wären die Artefakte sein rechtmäßiges Eigentum.
Die Frage ist nun: stammen die Mumie und deren möglicher Inhalt tatsächlich aus den 50er Jahren? 
Ich denke nicht, ich denke eher, die ganze Sache stinkt und zwar gewaltig.

Es ist nun einmal so, daß etliche Objekte in den letzten Jahren seit der Revolution 2011 aus ägyptischen Museen und Magazinen oder von Grabungen geraubt und in den dunklen Abgründen des Antikenschmuggels verschwunden sind. Ein Konvolut solcher illegal erworbenen Artefakte wurde jüngst sogar bei Christie's in London angeboten und nicht nur ein Antikenhändler wurde zu einer schmerzhaften Geldstrafe verurteilt, weil er eben solche Stücke zweifelhafter Provenienz verkauft hat. 

Backen wir ein wenig Spekulatius - Weihnachten ist ja nicht mehr weit...
Wenn jetzt ein solches Objekt vielleicht erst 2011 oder 2012 ans Tageslicht befördert wurde - es muß ja nichts Großes sein, eine kleine Statuette wie ein Uschebti, ein Herzskarabäus, ein Ring... - und es durch irgendwelche obskuren Kanäle und Umwege nach Deutschland geriete, quasi als illegaler Auswanderer (siehe das ägyptische Antikenrecht von 1983), was macht man dann am besten, um die Antiquität zu legalisieren und sicherzustellen, daß man nicht wegen Antikenschmuggels verknackt wird?
Ganz klar: man gibt dem Stück eine falsche Geschichte und macht am besten noch ganz viel Wind darum, daß einem die Story auch nur ja abgekauft wird. 
Die Presse läßt sich ja offensichtlich leicht instrumentalisieren - ganz besonders während des Sommerlochs, wo eh nix los ist!

Aber vielleicht steckt auch nichts dahinter außer einem verspäteten Aprilscherz und die spinnerten Ägyptologen mit ihrer Provenienzfälschungsgeschichte leiden nur an den Spätfolgen eines gewaltigen Sonnenstichs...

Donnerstag, 20. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 3


Die 90er oder wie der Haarlack aus meiner Tasche verschwand und wieder zurückkehrte...


Das Ende der 80er bedeutete für mich nicht nur das Ende meiner Schulzeit, sondern stellte auch den Anfang vom Ende meiner aktiven Zeit in der schwarzen Szene dar. Mit dem Abitur eröffneten sich mir endlich die Wege, die ich immer schon einschlagen wollte, fernab von den täglichen Grabenschlachten und Wortgefechten in den Gängen unseres Dorfgymnasiums, fernab von der beschränkten Welt und den Zwängen der Schule, die ich nur durchgestanden hatte, um meinen Traumberuf erlernen zu können...

Mein Freundeskreis änderte sich zwangsläufig in jener Zeit.
Das, was uns während der Schulzeit zusammengeführt hatte, war zum großen Teil hinfällig geworden: wir waren keine Außenseiter im Verband unserer Jahrgangsstufe mehr, eine Handvoll Eigenbrötler, die aus dem Rahmen fielen und sich genau dadurch selbst definierten, die sich abgrenzen wollten und ihren Klassenkameraden hin und wieder gerne Uniformität unterstellten und die Monotonie ihres aus unserer Sicht öden Seins unter die Nase rieben.
Ja, auch ich kann mich und besonders mein Teenie-Ich nicht davon freisprechen, Leute in Schubladen zu stecken bzw. gesteckt zu haben. Und mit der viel beschrienen Toleranz der Schwarzgewandeten war es zumindest in unserem dunkelbunten Umfeld nicht weit her. Wir waren damals Kinder und diesen noch nicht ganz fertigen Menschen sind Eigenschaften wie Verständnis und Nachsicht im Umgang mit ihren Mitmenschen doch ziemlich fremd. Im Gegenteil, wir waren stolz darauf, nicht so zu sein wie alle anderen und blickten sogar mit einem Quentchen Hochmut auf diese langweiligen Normalos herab.
Das Anderssein einte uns – anders im Hinsicht auf die Musik, die wir hörten, die Bücher, die wir lasen, die Themen, die wir diskutierten, die Orte, die wir aufsuchten, die Interessen, die wir teilten. Nicht zuletzt dienten Kleidung, Haartracht und Make-up der Visualisierung der gewaltigen Kluft, die uns in jeglicher Hinsicht von den anderen trennte.

Diese Kluft war plötzlich nicht mehr vorhanden, nach dem Schulabschluß zerbrach der Klassenverband und ich mußte mich neu orientieren.
Ich begann das ersehnte Ägyptologiestudium und traf andere Ägyptenverrückte, mit denen ich mich austauschen konnte, hatte einen guten Nebenjob in einer Arztpraxis (eine weiße Kluft war unumgänglich), und der Kontakt zu meinen alten Freunden brach langsam, aber sicher ab.
Meine Vorliebe für schwarze Kleidung, Horrorliteratur und -filme und mein Musikgeschmack änderten sich zwar nicht, jedoch kamen andere Interessen hinzu: mein Horizont erweiterte sich und damit verschoben sich meine Prioritäten. Was in den 90er Jahren in der schwarzen Szene passierte, ist größtenteils an mir vorbeigegangen bzw. weiß ich nur vom Hörensagen. Ich hielt mich damals im wesentlichen in der Uni oder an meinem Arbeitsplatz auf und fuhr, so oft es mir möglich war, nach Ägypten (Pikes sind nicht sehr zweckmäßig, um in Gräbern herumzukrauten und schwarze Klamotten sorgen im Hochsommer im Luxor nur für einen Kreislaufkollaps). Außerdem pflegte ich verstärkt eines meiner Hobbies: die Darstellung einer Klingonin aus Star Trek. Im Nachhinein sehe ich zwischen meiner schwarzgewandeten Klingonin und dem gruftigen Teenager, der ich einmal war, einige Parallelen. Nicht nur, daß ich die Einzige in meinem damaligen Umfeld war, die einer solch exotischen Freizeitbeschäftigung nachging, ich suchte und fand dadurch neue Freunde und Bekannte, denen es ebenso Spaß machte, sich die Kostüme und Masken, die man für eine ordentliche Darstellung brauchte, selbst zu nähen und zu fabrizieren. Wie oft haben wir Nerds, von den Briefmarken sammelnden Normalos spöttisch belächelt, gemeinsame Basteltage verbracht, Maskenbildnertipps ausgetauscht und uns beim Schminken und Maske/Kostümanlegen geholfen, bevor es auf eine Convention ging! Ja, auch da hatte ich Haarlack dabei, um die struppige Klingonenkreppfrisur, die doch ein wenig an den Zottellook meiner Gruftizeit erinnerte, den Tag überstehen zu lassen!
Ein wenig war es wie früher, als man sich seine Gruftklamotten selber nähte und seinen Nietenschmuck selbst zusammendrosch, sich beim Toupieren der Haare helfen und von der Freundin den Lidstrich ziehen ließ...

Nur war die Klingonin nicht mehr als eine Verkleidung für mich, die mich aus dem Alltag ausbrechen und in eine andere Rolle schlüpfen ließ, der Grufti (oder meinetwegen auch Goth) jedoch ist tief in mir verwurzelt. Er ist ein Teil meines Ichs, ein ziemlich eigensinniger Teil, der gerne gegen gesellschaftliche Zwänge rebelliert, aber mittlerweile akzeptiert hat, daß es unumgänglich ist, sich hin und wieder den gängigen Normen anzupassen – wenigstens ein Stück weit – und der durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann man besser die Pikes und Nietengürtel im Schrank zu lassen hat.

Im Grunde ist dieser Teil in den 80ern stecken geblieben. Mag sich die schwarze Szene auch weiterentwickelt haben, ich bleibe meinem altmodischen Gruftstyle treu. Mit Cybergoths kann ich nichts anfangen, die sind mir zu bunt und zu schrill und was Steampunk mit Gothic zu tun hat, erschließt sich mir auch nicht. Da bin ich konservativ. Überhaupt schaue ich mir mit Staunen und teilweise offenem Mund an, was es so alles für den Gothic von heute und die kuriosen Ableger, die die schwarze Szene getrieben hat, zu erwerben gibt. Und mehr als einmal habe ich mich schon bei dem Gedanken „Das hätte es damals bei uns aber nicht gegeben!“ ertappt. Naja, leben und leben lassen und wer Spaß am pinkfarbenen Schläuchen mit blinkenden LEDs auf'm Kopf hat, dem sei der von Herzen gegönnt!

Wenigstens brauche ich bei diesen Cybergoths keine Angst zu haben, daß sie mir ein Paar Pikes vor der Nase wegschnappen und die Ruhe auf meinem Friedhof stören! ;-)


P.S.: Wenn ich von „wir“ oder „man“ schrieb, meinte ich damit nicht generell die schwarze Szene, sondern ausschließlich meinen damaligen Freundeskreis und meine Wenigkeit. Bei „den anderen“ handelt es sich dementsprechend um Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen, Verwandte etc. Kurz: die Typen aus den Schubladen „Popper“ und „Normalo“ :-D

Mittwoch, 19. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 2

Oder wie man als Grufti in den 80ern überlebte...


So abwegig war die Idee eigentlich nicht, den Haarlack als Waffe zu gebrauchen – selbstverständlich nur zur Selbstverteidigung und nicht um ein paar Popperkids ihrer rosafarbenen Poloshirts zu berauben.
Das klebrige Spray konnte nämlich auch als Tränengasersatz dienen, falls man auf ein paar besoffene Skinheads traf, die gerade darauf aus waren, ein paar „Gruftis zu klatschen“.
Gott sei Dank kam ich nie in eine solche Bredouille, aber ich war froh, immer mein Haarspray in den Untiefen meines Rucksacks zu wissen, nachdem ich schon von dem ein oder anderen unerfreulichen Zusammenstoß zwischen Glatzköppen und Dunkelbunten gehört hatte. Meine Erfahrungen diesbezüglich beschränken sich darauf, nur angepöbelt zu werden, aber das reichte mir schon.
Dabei mußte man nichts anderes tun, als den Skins aus dem Weg zu gehen: deren Revier befand sich beim Hauptbahnhof, das unsrige beim Stadthaus. Traf man sich dennoch in der Innenstadt, die genau dazwischen liegt, hieß es, die Zähne zusammenzubeißen und darauf zu hoffen, daß der Haarlack nicht zum Einsatz kommen mußte.

„Hassu Haarlack dabei?“ ertönte wesentlich zaghafter die Frage, als uns eines Samstagsabends einmal eine Horde krakehlender Skins entgegenkam. Ich nickte stumm und schluckte. „Gut, ich auch,“ wisperte es zurück. Wir taten allerdings cool und ignorierten die Bierflaschen schwenkende Bande, um zügig unserer Wege zu gehen. Der Haarlack wurde an diesem Abend dennoch gebraucht, aber wirklich nur, um die Frisur zu richten!




Eine andere Möglichkeit, diesen unliebsamen Begegnungen zu entgehen, war es, sich auf dem Friedhof zu verstecken und die Party dorthin zu verlegen.
Da trauten sich die Skins nämlich nicht hin.
Bei Kerzenschein und einer Flasche Wein, die die Runde machte, las man klassische Gruselgeschichten wie „Der Horla“ von Guy de Maupassant oder „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu. sprach über den unvermeidlichen „Dracula“ von Bram Stoker und dessen diverse Verfilmungen und die frühen Werke von Stephen King (die ich damals als Jugendliche gerne las, heute finde ich die Geschichten eher platt und vorhersehbar), beobachtete Fledermäuse, diskutierte über Gott und die Welt und genoß einfach die Stille bei Mondschein und Sternengeflimmer.
Schwarze Hühner haben wir allerdings nicht geschlachtet und auch keine Grabsteine beschmiert, wie man uns gerne unterstellt(e), und auch Satan nicht beschworen.
Im Grunde haben wir uns einfach nur die richtige Location für unsere Literatur- und Diskussionszirkel gesucht, um diesen Zusammenkünften mal einen etwas hochtrabenden Namen zu geben. Sich Vampirgeschichten mitten in der Nacht auf einem Friedhof oder im Schatten einer alten Burgruine, von denen es in unserer Gegend etliche gibt, zu erzählen, das sorgte für angenehmen Grusel und das ganze Ambiente dafür, daß man vollkommen in die Geschichte eintauchen konnte.




Okkultismus und diverse Praktiken, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen, waren jedoch auch beliebte Themen, mit denen wir uns beschäftigten. Der einzige Versuch, mit einem Verstorbenen zu kommunizieren endete jedoch dank eines zu hohen Alkoholpegels der Beteiligten in albernem Gegacker, als wir unsere erste (und letzte) Séance abzuhalten versuchten und unser angebliches Medium mit dem Knie von unten an die Tischplatte klopfte und im schaurigen Tonfall „Buhuhuhuuuuuu!“ hauchte...

Dienstag, 18. Juni 2013

Hassu Haarlack dabei? - Teil 1


Oder wie man in den 80ern als Grufi überlebte...


Es war ein schöner Samstagabend, als ich diese Frage das erste Mal vernahm.
Irgendein Sommerwochenende in den 80ern und die Ampel war gerade rot.
Ich saß hinten im Auto, vor mir eine Freundin, die knapp zwei Jährchen älter war als ich und gerade ihren Führerschein gemacht hatte, daneben ihr Freund. Im Kassettenrekorder dröhnte „Shake Dog Shake“ vom Album „Concert – The Cure live“.




Wir waren auf dem Weg nach Meckenheim, um einen Bekannten abzuholen, danach wollten wir in unsere Stammkneipe.
Es war, wie gesagt, Sommer und dementsprechend heiß. Die Fenster hatten wir heruntergekurbelt, aber nur ein Stückchen, damit der Fahrtwind unsere mühevoll zerzausten Haargebilde nicht zerstörte.
Trotzdem pustete es auf der Schnellstraße ganz ordentlich. Ich ging hinter dem Fahrersitz in Deckung – es war ohnehin schwierig genug gewesen, die aufgetürmte Frise heil ins Auto zu bekommen und jetzt auch noch dieser blöde Wind...
Meine Freundin kurbelte beinahe schon panisch die Fenster wieder hoch.
„Hassu Haarlack dabei?“ kiekste sie hysterisch.
Hektisches Gezuppel an weiß-schwarz-lila gefärbten Strubbelhaaren ihrerseits, hektisches Gewühle in der Tasche meinerseits.
Haarlack hatte man damals selbstverständlich immer dabei. 

Zwar war der gekreppte und toupierte Zottellook à la Robert Smith dank Gel und Haarlack ultrastrong bombenfest einbetoniert und das Krähennest quasi sturmsicher, aber selten verließ man das Haus ohne eine Notfallpulle Haarspray.
Endlich hatte ich das Gewünschte in den schwarzen Abgründen meiner Tasche gefunden, reichte meiner Freundin den Haarlack und sie dieselte sich großzügig damit ein. Die Luft im Auto verklebte uns schlagartig die Lungenbläschen, aber die Frisur war gerettet.
Neben uns ein paar Popper im ultrafeinen Ausgehzwirn und Papas BMW, die mit offenen Mündern zu uns herüberstarrten. Wahrscheinlich dachten die, diese komischen Gestalten dröhnten sich mit irgendeiner geheimnisvollen Droge zu – Gruppenschnüffeln im klapprigen schwarz-roten Uraltpolo. Man muß ja schon bekifft sein, wenn man sich Tinto (einer der kleinen Vampire aus „Tierisch vampirisch“ von Jackie Niebisch) auf die Motorhaube malt. Der zierte nämlich die des Autos meiner Freundin samt seiner bluttriefenden Hauerchen.

Wir winkten fröhlich zu den geschockten Popperkids hinüber, sie schauten blitzschnell weg und starrten betreten auf die Ampel, die einfach nicht grün werden wollte.
Was dachten die wohl? Daß wir sie mit unserem Haarlack k.o. sprühen würden, um sie auszurauben? Oder daß wir die Zähne blecken und über sie herfallen würden, um sie auszusaugen?  

Gemütlich lehnte ich mich zurück, als meine Freundin wieder anfuhr.
Die Stimmung war bombig, die Haare hielten dank einer Extraportion Haarlack und wir gröhlten "Primary"mit...




Montag, 17. Juni 2013

Back to the roots...boots...PIKES!

"Als Pikes bezeichnet man Schuhe, die vorne extrem spitz zulaufen.
(...)
Pikes wurden seit den 1980er Jahren bevorzugt von Anhängern der Wave- und Gothiksubkultur getragen, hier meist als knöchelhöhe Stiefeletten mit drei bis fünf Schnallen, jedoch sind auch flache Halbschuhe (mit gar keiner oder nur einer Schnalle) und höhere Stiefel (bis mindestens Kniehöhe und etwa 10 Schnallen) erhältlich."
Quelle: Wikipedia

Meine ersten Pikes kaufte ich Mitte der 80er Jahre, nachdem ich lange mein Taschengeld dafür gespart hatte. Die Dinger kosteten damals die nicht unwesentliche Kleinigkeit von ca. 150 DM, was für mich als Schülerin ein Haufen Kohle war. Um so geiler war's, als sie endlich mein waren!
Das war auch das erste und einzige Mal, daß ich jenes angeblich für das weibliche Geschlecht typische Glücksgefühl empfand, wenn frau sich ein Paar Schuhe kauft. Den Besuch eines Schuhladens sehe ich eher als notwendiges Übel an, das sich nicht umgehen lässt, wenn ich ein paar neue Treter brauche. Meistens gibt es eh nix, was mir gefällt und wenn doch, dann nicht in meiner abartigen Schuhgröße (42) - höchstens in der Männerabteilung.

Mein treuer (linker) Pike

Meine Pikes jedoch, ach, die sind vielmehr als nur schnödes Schuhwerk für mich! 
Zu allem Überfluß werde ich jetzt auch noch nostalgisch und ein wenig wehmütig...
Aber es hängen jede Menge Erinnerungen an diesen zwei eleganten, schmal-spitzen Stiefeletten aus weichem Veloursleder, jede mit einem schwarzen Reißverschluß und sechs Schnallen versehen. Niemals wieder stand ein Paar schönere Schuhe in meinem Schuhregal...
Die Pikes begleiteten mich fürderhin in die Schule, zum Abi-Ball, auf Reisen, Parties, in unsere damalige Stammkneipe. Wo ich hinging, da gingen auch meine Pikes hin.
Um sie ein wenig aufzupimpen, montierte ich Ketten dran - aus dem Baumarkt und mit Draht an die Schnallen getüdelt. 
Ohnehin haben wir damals viel gebastelt und genäht und das schwarze 08-15-Zeug von C&A mit Sicherheitsnadeln, Spitze, Schnüren und Nieten, die man zur Freude der Nachbarn mit viel Getöse in den Stoff gekloppt hat, zu individuellen Kleidungsstücken umgebaut. 
Hauptsache, nicht aussehen wie diese markengeilen Popper in ihren pastellfarbenen Miami Vice-Klamotten!

Gab es schwarzeń Stoff im Schlußverkauf, dann wurde zugeschlagen und Mutter bekniet, die Nähmaschine herauszuholen. Das Schnittmuster meines bodenlangen Fledermausmantels mit weiten Ärmeln und riesengroßem Kragen war natürlich auch selbst entworfen.
Mit meinen klimpernden Ketten-Pikes und diesem Umhang sah ich wahrscheinlich aus wie die dunkle Schwester von Hui Buh, dem Schloßgespenst, aber ich gefiel mir so und fand mich wesentlich cooler als meine in Esprit, Marc O'Polo oder Boss gewandeten Mitschüler. Selbstverständlich sind wir Freaks nie auf eine der Feten eingeladen worden, die jedes Wochenende irgendwo bei einem dieser Benettonfetischisten stattfanden. Aber was sollten wir auch da? Uns deren inhaltsloses Gequatsche anhören und das Gedudel aus den Charts? Neeee, das seichte Geträller von Spandau Ballet und später dann A-Ha - darauf fuhren die halt ab - war einfach nix für mich. Ich war und bin ein großer Fan von The Cure, meine damalige beste Freundin hörte Alien Sex Fiend und ansonsten das, was damals eher nicht in den Top Ten zu finden war.

Nun ja, eigentlich wollte ich nichts über Musik schreiben - ich höre ohnehin das, was mir gefällt, unabhängig vom Genre -, sondern über Pikes. Aber ich bin mal wieder ins Schwaffeln geraten *schäm*
Zurück zum Thema: PIKES!
Mit halb lachendem, halb weinendem Auge hängt mein Blick gerade an dem anscheinend einzigen Überlebenden meiner zwei Paar Pikes, der linke jener wunderbaren Wildlederstiefel, die mich ein Großteil meines Lebens begleitet haben und die bei unserem letzten Umzug leider verschwunden sind. Nun ist der besagte linke Schuh wieder aufgetaucht, der andere bleibt jedoch verschollen, mein zweites Paar - Ballerinas aus Glattleder und mit je zwei Schnallen - ebenso *schnief*

Heutzutage anständige Pikes zu bekommen, ist schier unmöglich. Seit Jahren suchte ich im Internet, bis ich irgendwann über die Schuhmanufaktur Retroshu in GB gestolpert bin. Die scheinen tatsächlich exakt die Pikes anzubieten, die ich suche: Klone meiner alten - mit dem Unterschied, daß der Reißverschluß bei meinen schwarz ist und da silbern. Aber so kleinlich simmer ja dann doch nich'! 
Leider Gottes hat sich mein anfangs gutes Bild von dieser Firma nach etlichen Recherchen in Mißfallen aufgelöst und daher sehe ich davon ab, dort zu bestellen.
Und über das Drama mit Fantasyshoes und Pennangalan will ich kein Wort verlieren. Außerdem scheinen die dort angebotenen Pikes meinen alten Babies nur auf den ersten Blick zu ähneln. Wie ich das sehe, besitzen die eine Naht zwischen Spitze und Reißverschluß und das finde ich ätzend. Als Alternative bieten sich zweifellos auch die Winklepickers der altbekannten Firma Underground an, aber die führen leider keine Klone meiner Veloursleder-Pikes.


Pikes von Nevermind

Nun stehen hier also diese wunderschönen neuen Pikes von Nevermind herum, mit denen mich die böse liebe Sally vom Paranox in Bonn in Versuchung geführt hat. Ich betrat den Laden und sie schmetterte mir fröhlich entgegen: "Wir haben übrigens Pikes da!" Und dann gab es die auch noch in meiner Größe...
Ich war quasi willenlos, als sie sich erst einmal an meinen Füßen befanden.
Und es war beinahe wieder so wie damals...